01.01.2024

01/2024 Bücher-Tipps rund ums Thema Klimaschutz

Klimaschutz

Foto: Foto: Tom Hermans on Unsplash

Im Folgenden finden Sie einige Buchrezensionen und ein Spielrezension aus der Rubrik "Architektur unterm Weihachtsbau(m)", erschienen im Bayernteil des DAB 12/2023. 

 

"Für eine bewusste Auswahl und Verwendung von Materialien"

Rezension von Petra Seidl

Die EU setzt sich mit ihren ambitionierten Klimazielen dafür ein, dass die Kreislaufwirtschaft im Bauwesen vorangetrieben wird. Denn die vollumfängliche Wiederverwendung und Wiederverwertung von Materialressourcen im Bauwesen ist ein wichtiger Schritt hin zu einer nachhaltigen Zukunft, er trägt dazu bei, Ressourcenverschwendung zu reduzieren, den CO2-Fußabdruck zu verringern und die Umweltbelastung zu minimieren. Das im November erschienende Handbuch zur kreislaufgerechten Architektur bietet nun eine fundierte Grundlage für Planerinnen, Architekten und eine Bauherrschaft, die sich mit dem Thema Nachhaltigkeit im Bauwesen und kreislaufgerechtem Bauen auseinandersetzen möchten. Es vermittelt nicht nur theoretisches Wissen, sondern liefert auch praktische Anleitungen und Beispiele für eine erfolgreiche Umsetzung des Kreislaufprinzips in der Architektur. Die Autorenschaft setzt sich zusammen mit Fachexpertinnen und -experten mit der Geschichte und Gegenwart der kreislaufgerechten Architektur auseinander. Sie hinterfragen etablierte Baumethoden und -praktiken, bieten jedoch gleichzeitig Lösungsansätze und praktische Hilfestellungen.

Das Kompendium ist in einen Theorieteil und einen Anwendungsteil, den Detailkatalog, unterteilt. Im Theorieteil werden die Grundlagen des sortenreinen Bauens mit Blick auf Methodik, Material und Konstruktion analysiert. Dabei werden beispielhafte Konstruktionsaufbauten der Holzbauweise, des Mauerwerks-, Beton-, Lehm- und Stahlbaus in Schnitten im Maßstab 1:20 und anhand von Isometrien erläutert. Dem Detailkatalog vorangestellt wurde eine Sammlung wiederverwertbarer und wiederverwendbarer Baustoffe. Sie bietet einen Überblick über Materialien, die im Sinn einer Kreislaufwirtschaft eingesetzt werden können. Dabei werden auch wiederverwertbare Materialien, die nach ihrer Nutzung in einem anderen Kontext weiterverwendet werden können, berücksichtigt. Zusätzlich enthält der Katalog gezeichnete und mit Legenden dokumentierte Anwendungsbeispiele möglicher reversibler Fügungsmethoden und -prinzipien, sowie Schichtenaufbauten für Wand und Decke.

Dirk E. Hebel, Ludwig Wappner, Katharina Blümke, Steffen Bytomski, Valerio Calavette, Lisa Häberle, Peter Hoffmann, Paula Holtmann, Hanna Hoss, Daniel Lenz, Falk Schneemann (Hg.)
Sortenrein Bauen. Methode. Material. Konstruktion
Edition DETAIL: 2023, 232 Seiten
ISBN 978395536138, € 79,90


 

"Schluss mit der Abreißerei!"

Rezension von Sophie Ziemer

Wenn wir als Gesellschaft die Bauwende umsetzen und die Wohnungsnot bewältigen wollen, müssen wir eine praxisorientierte Umbaukultur etablieren. Das ist längst allgemeiner Konsens, doch noch fehlt es an einer konkreten Planungskultur, die das ermöglicht. Sicher ist: Abriss muss die Ausnahme werden. 60 Prozent des Gebäudebestands umfasst unser gebautes Erbe ab 1945, davon sind 30 Prozent Wohnungsbauten. Die damaligen Standards halten den Anforderungen der Bauklimatik und den gesellschaftlichen Erwartungen kaum stand. Sie entstanden unter Druck, da viel und schnell gebaut werden musste. Daraus resultiert, dass Informationen zu Material und Konstruktion kaum dokumentiert wurden. Für eine praxisorientierte Denkmalpflege fehlt es somit an verbindlichen Strategien, die breitflächig umgesetzt werden können. Das "DFG-Netzwerk jüngerer Baubestände 1945+" bietet nun mit der Publikation "Reallabor Nachkriegsmoderne" Einblicke in ihre aktuelle Forschung diesbezüglich, und zeigt die Potenziale auf. So plädieren die Verfasserinnen und Verfasser für mehr Wertschätzung der Nachkriegsbauten. Jörg Heiler und Roman Adrianowytsch bezeichnen den jüngeren Bestand in ihrem Beitrag als "noch nicht gehobenen Schatz". Dieser muss folglich weiter inventarisiert und analysiert werden, um weiter- und umgenutzt werden zu können.

Der Titel verrät es: Um die zahlreichen Bauwerke der Nachkriegsmoderne zukunftsorientiert nutzen zu können, sollen die oben genannten Wissenslücken in der Form eines prozesshaften Reallabors geschlossen werden. In vier Kapiteln mit 22 Beiträgen werden neue Erkenntnisse und Methoden für die Erfassung und Bewertung des Bestands von 1945 bis 1980 vorgestellt. Die Anforderungen, die Gebäude erfüllen müssen, um als Denkmal und somit als schützenswert zu gelten, werden von Silke Langenberg und Hans-Rudolf Meier kritisch auf den Prüfstand gestellt. Es wird sowohl das Potenzial von analogen als auch von digitalen, KI-basierten Möglichkeiten der Inventarisierung vorgestellt. An Beispielen wie dem sogenannten "Mäusebunker" und dem "Haus der Statistik" in Berlin wird gezeigt, dass neben dem Engagement der Fachwelt auch die Zivilgesellschaft dafür einstehen muss, die Gebäude zu erhalten. Ein weiterer Beitrag beschäftigt sich mit "Haus Schminke" von Hans Scharoun: Felix Wellnitz stellt sein Forschungsprojekt über dessen bauklimatische Bedingungen vor. Dabei wurden in einem Monitoring die Werte über zwei Jahre dokumentiert und für die Sanierung ausgewertet. Die Ergebnisse zeigen, dass nicht nur DIN-Normen ein Garant für Behaglichkeit im Innenraum sein können. Die Autorinnen und Autoren sprechen sich daher deutlich dafür aus, die im Reallabor überprüften Methoden breitflächig in die Praxis zu überführen und es nicht bei Best-Practice-Beispielen zu belassen.

Olaf Gisbertz, Mark Escherich, Sebastian Hoyer, Andreas Putz, Christiane Weber (Hg.) für das DFG-Netzwerk Bauforschung Jüngere Baubestände 1945+
Reallabor Nachkriegsmoderne: Zum Umgang mit jüngeren Denkmalen Jovis Verlag: 2023, 320 Seiten
ISBN 9783868597547, € 36,00

 

"Die Welt von morgen"

Rezension von Hannah Altermann

Weihnachten ist eine Zeit der Rückbesinnung, in der wir alten Geschichten lauschen, Erinnerungen austauschen und Traditionen bewahren. So ganz passt "Zukunftsbilder 2045" also nicht unter die Nordmann-Tanne, es sei denn, Sie sind schon auf die nachhaltige Variante umgestiegen: den Christbaum im Topf, mit LED-Lichtern, zum Wiederverwenden oder Einpflanzen. Ist das Buch einmal ausgepackt, lädt es dazu ein, den Blick nach vorn zu richten, in eine Zukunft, die bunt, visionär und lebendig ist. Es erzählt von einer Reise durch Deutschland und Europa im Jahr 2045, wenn der Zweite Weltkrieg 100 Jahre zurückliegt und wir das selbstgesteckte Ziel der Klimaneutralität erreicht haben. Hochwertige Grafiken zeigen zunächst nüchterne Abbilder von unseren Städten im Jahr 2022, altbekannt, eng und vor allem: grau. Dann, eine Seite weiter, die gleiche Stadtansicht 2045: wesentlich grüner, kreativer und sicherer.

Die Autorinnen und Autoren sorgen so für positive Visionen, die Begeisterung und Tatkraft für das Neue wecken und einen Gegenpol zu den allgegenwärtigen Nachrichten von existierenden und drohenden Klimakatastrophen schaffen. Dabei sind die Entwürfe keineswegs reine Fiktion: Viele der Zukunfts-Ideen existieren bereits jetzt und werden nach und nach umgesetzt. Die fiktive Journalistin Liliane Morgentau besucht die Städte der Zukunft und führt Interviews mit lokalen Akteuren aus verschiedenen Bereichen, darunter eine Architektin, eine Transformationsforscherin, ein Schulleiter oder Unternehmer. Als Beispiel aus Bayern wird die Landeshauptstadt München gezeigt, der Blick fällt auf den neu gestalteten Marienplatz und St. Peter. Besonders interessant ist bei der Lektüre, dass die Zukunftsideen kaum nachhaltige Konzepte beinhalten, die Autoren gehen davon aus, dass unsere Ökosysteme schon so massiv geschädigt sein werden, dass anstelle des nachhaltigen Bewahrens die Regeneration treten muss, also Aufbau, Wiederbelebung, Heilung.

Vielleicht folgen Sie der Anregung im Vorwort und beobachten sich selbst, wenn Sie die Lücke zwischen Realität und Utopie bemerken. Sind Sie der Realist, der analysiert und zweifelt? Die Zynikerin, die jede Hoffnung für vergeblich erklärt? Die Sehnsüchtige, die zuversichtlich bleibt? Oder doch der Bequemling, der liebgewonnene Gewohnheiten nicht aufgeben will? Sie müssen das Buch ja nicht unbedingt unter den Baum legen. Auch der Frühstückstisch am Neujahrsmorgen wäre ein guter Platz.

Stella Schaller, Lino Zeddies, Ute Scheub,
Sebastian Vollmar, Reinventing Society (Hg.)
Zukunftsbilder 2045, Eine Reise in die Welt von morgen
oekom Verlag: 2023, 176 Seiten
ISBN 9783962383862, € 33,00


 

"Von Kamelnasen und Eisenplattenkäfern"

Rezension von Eva Schönbrunner

Das liebevoll und kunterbunt illustrierte Buch mit meiner kleinen Tochter zu lesen, hat uns beiden großen Spaß bereitet. Obwohl ich dachte, ich hätte ein solides Basiswissen in Tierkunde, hat mir die eine oder andere der insgesamt 75 Seiten faszinierende Aha-Momente beschert. Aufgeteilt in die uns wohlbekannten Themenbereiche Konstruktion, Materialien, Formen, Energie und Wasser zeigen die tierischen Baumeister und Überlebenskünstler, was sie alles können, was wir Menschen uns bereits davon abgeschaut haben, und wo es sich lohnen könnte weiterzuforschen und zu entwickeln. Das Buch ist wirklich eine Bereicherung für Klein und Groß, für Planende und solche, die mit Architektur rein gar nichts zu tun haben. Es macht staunen, wie sehr uns Tiere in Sachen Klimaanpassung, Ressourcenschonung und Energieeffizienz voraus sind. Und es macht Hoffnung, dass es auch dem Säugetier Mensch gelingen wird, seinen Lebensraum zu bewahren. Wer also wissen will, wie der Längsschnitt durch eine wassersparende Kamelnase aussieht oder warum der Panzer des teuflischen Eisenplattenkäfers unzerstörbar ist, dem sei dieses tierisch geniale Buch wärmstens ans Herz gelegt!

Christiane Dorion, Yeji Yun
Von Ameise bis Wombat: Tierisch geniale Bautricks für unsere Zukunft.
E.A. Seemann Henschel: 2023, 80 Seiten
ISBN 9783865024954, € 22,95

 

"Familienspiel mit Lerneffekt"

Rezension von Kathrin Valvoda

Wer sich darüber wundert, dass immer noch mit großer Begeisterung kapitalistisch ausgerichtete Spiele gespielt werden, wie etwa "Monopoly" oder "Matchi Koro", bei denen das egoistische Anhäufen von Monopolen und Geld, gepaart mit Glück, zum Gewinn führt, der oder die wird sich beim Spiel "Die CO2-freie Stadt" entspannen können. Schon der Titel benennt schnörkellos, um was es sich bei dem Spiel dreht, nämlich darum, mit gemeinsamen, strategisch wohlüberlegten, vielfältigen Spielzügen und etwas Glück, CO2-Emissionen zu mindern und eine lebenswerte, grüne, generationen- und artengerechte Stadt zu gestalten. Diese Adjektive hätten vielleicht auch den Spieltitel anschaulicher gemacht. Die Grafik des retro-pastellfarbenen Designs übermittelt aber ebenfalls rasch, welcher Weg auf dem Spielbrett eingeschlagen werden sollte: der zum roten Inferno oder der zur grünrosafarbenen Mitte... Ist die Anleitung einmal verstanden, können auch junge Spielerinnen und Spieler mitmachen. Denn es geht in erster Linie darum, Punkte zu zählen und abzuziehen, und Maßnahmen, die beim Punkte-Abziehen helfen, auszuwählen. Wer etwas mehr Geduld und Interesse mitbringt, kann sich begleitend zum Spielverlauf über die Informationen auf den Spielkarten und im erläuternden Spielebuch mit all den Themen beschäftigen, die unsere Umwelt auch in Realität grüner und emissionsfreier gestalten würden. Oder die diese verhindern: vom "schlechten Wohnungsbestand" über "Gebäudedämmung" und "Fernwärme" bis hin zu "Netto-Null-Gebäuden", von "Torf-Rekultivierungen", "globalen Gipfeln", "Greenwashing" bis zur "Teilnahmslosigkeit". So, wie im richtigen Leben. Daher bleibt im Spiel wie in der Realität bei jeder Entscheidung die Hoffnung, den Weg eingeschlagen zu haben, auf dem wir alle gewinnen!

Rami Niemi (Illustration), Ulrich Korn (Übersetzung)
Die CO2-freie Stadt – Ein Team-Spiel
Laurence King Verlag: 2023, Papp-Spielebox,
Spielfiguren, Spielbrett, 103 Spielkarten, 1 Sanduhr, 2 bis 4 Personen, ab 8
ISBN 9783962443627, € 30,00


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