01.01.2022

01/2022 Klimaanpassung am und ums Gebäude

Klimaschutz

Foto: Foto:Wolfgang Heidenreich

"Wir sind nicht nur verantwortlich für das, was wir tun, sondern auch für das, was wir nicht tun."

Molière

> Link zur Aufzeichnung "BEN-Update"

Klimarisiken und Betroffenheit verstehen

Wetterereignisse wie starke Hitze, Starkregen mit Überschwemmungen, Dürre und Trockenheit oder Stürme werden in vielen Teilen Deutschlands in Häufigkeit und in Intensität weiter zunehmen. Dies ist verbunden mit Risiken für Gesundheit und Wohlbefinden der Menschen, aber auch für materielle Werte wie bauliche Infrastrukturen und Immobilien. Der Wunsch sich vor möglichen Gesundheitsrisiken und vor Schäden zu schützen ist groß und fordert jeden einzelnen auf, selbst Vorsorge zu treffen. Die richtige Pflege und Instandhaltung von Gebäuden und technischen Anlagen können dabei ebenso Teil einer Strategie sein, wie auch bauliche und technische Maßnahmen. Besonders bedeutend ist dabei eine konsequente Planung der blauen und grünen Infrastruktur. So können der sensible Umgang mit Wasser und der gezielte Einsatz von Vegetation Schutzwirkungen gegen Klimaextreme entfalten.

Doch nicht jede Maßnahme ist in jedem Fall sinnvoll. Bei der Anpassung an die Folgen des Klimawandels ist es zunächst wichtig, die eigene Betroffenheit zu analysieren und zu sensible Bereiche zu identifizieren, die vulnerabel gegenüber Gefährdungen sind. Aufbauend darauf lassen sich Maßnahmen zielgerichtet entwickeln, priorisieren und umsetzen. Eine erste Orientierung bieten kostenfreie Informationsangebote. So zeigen beispielsweise die "Klimaausblicke für die Landkreise" des "Climate Service Center Germany (GERICS)" wie sich unterschiedliche Klimaszenarien regional darstellen und welche Trends in Bezug auf Klimarisiken zu erwarten sind. Das "Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung" bietet mit "GIS-ImmoRisk Naturgefahren" ein Tool an, das Daten zu Naturgefahren auf Basis eines Geoinformationssystems mit der Eingabe nutzerspezifischer Daten zu baulichen Merkmalen kombiniert, um so eine Abschätzung zur gegenwärtigen und zukünftigen Risikosituation der Immobilie zu treffen.

Der Austausch mit der kommunalen Verwaltung bietet sich an, wenn diese ein Klimaschutzmanagement betreibt, oder beispielsweise im Rahmen eines Klimaanapassungskonzepts, bereits Untersuchungen zu Hitzeminderung und Starkregenvorsorge vorliegen. Für einzelne Projekte oder Liegenschaften kann es zudem sinnvoll sein, spezifische Untersuchungen zu Klimarisiken, Temperatur- oder Abflussverhalten erstellen zu lassen oder in städteplanerische, architektonische und landschaftsplanerische Vorhaben zu integrieren. Maßnahmen der Klimaanpassung sind dabei nicht nur reine Vorsorge. Richtig gestaltet verbessern sie Komfort und Aufenthaltsqualität, und leisten damit einen positiven Beitrag zur langfristigen Wertschätzung und zum Werterhalt von Gebäuden und Anlagen.

Gebäudebegrünung als Klimaanpassungsmaßnahme

Mit den ersten Gedanken, ein Gebäude bauen zu wollen, muss der Schutz des Gebäudes vor den Auswirkungen des Klimawandels mitbedacht werden. Aber auch die Auswirkungen des Gebäudes auf das Mikroklima sollte im Fokus bei der Planung liegen. Ein geeignetes Mittel, das Gebäude einerseits an den Klimawandel anzupassen und zu schützen sowie anderseits den negativen Einfluss auf das Mikroklima möglichst gering zu halten, ist die Gebäudebegrünung.

Von Anfang an eingeplant, ist der Schutz der Gebäudehülle vor UV-Einstrahlung, Hagel, Starkregen und extremen Temperaturschwankungen in kürzester Zeit mittels Pflanzen kostengünstiger zu realisieren als später bei Nachrüstungen oder Sanierungen. Gleichzeitig lassen sich so sommerlicher Wärmeschutz mithilfe von Verschattung und Kühlung durch Verdunsten von Wasser, zusätzliche Dämmung im Winter, Feinstaubbindung, Lärmreduktion und auch CO2-Speicherung erreichen. Die Begrünung reduziert die Wärmeeinstrahlung und somit das Aufheizen und die Wärmespeicherung sowie die nächtliche Wärmeabstrahlung, die zum Wärmeinseleffekt in dicht bebauten Quartieren beiträgt. Dass die Gebäudebegrünung auch noch zur Erhöhung der Biodiversität beiträgt und die Fassade vor Graffiti und Spechtlöchern im Wärmedämmverbundsystem schützt, soll nicht unerwähnt bleiben.

Insbesondere in dichten, stark versiegelten Quartieren ist eine nachträgliche Begrünung als Anpassungsmaßnahme sehr wichtig. Ob diese Begrünung von Kommunen bezuschusst wird, muss dort erfragt werden. In München zum Beispiel können private Begrünungsmaßnahmen seit Jahren mit bis zu 50 Prozent der förderfähigen Maßnahme bezuschusst werden.

Für eine dauerhafte und damit nachhaltige Fassadenbegrünung ist es essenziell, dass der Fassadenaufbau, die eventuell erforderliche Kletterhilfe, die Kletterstrategie und das Wuchsverhalten (negativer Phototropismus) zusammenpassen müssen. Nur so kann eine Fassade überhaupt begrünt (Kletterstrategie/Kletterhilfe) und vor Schäden durch die Kletterpflanzen bewahrt werden (Gewicht/negativer Phototropismus) und die oben beschriebenen Vorteile können sich einstellen. Die konstruktive Weiterentwicklung der Absturzsicherungen von Laubengängen, Balkonen und bodentiefen Fenstern zur Kletterhilfe wird leider kaum Bedeutung beigemessen. Der Vorteil läge darin, dass eine Befestigung ohne Wärmbrücke an der Fassade schon durchkonstruiert ist. Statt aufwändiger Durchdringungen von Wärmedämmverbundsystemen und hinterlüfteten Fassaden müssen lediglich höhere statische Anforderungen an die Befestigungen gewährleitet werden.

Entlastung von Kanal und Kläranlage, Wärmedämmung, Kühlung, dem Wärmeinseleffekt entgegenwirken, Gebäudeschutz, Freizeit und Erholung, Feinstaubbindung, Lärmreduktion und Erhöhung der Biodiversität – dies alles kann ein Flachdach bieten. Vorausgesetzt wirklich alle an der Planung Beteiligten sind sich im Klaren, dass das Dach von den Bewohnern genutzt wird. So können die Planenden im Bereich Heizung-Lüftung-Sanitär Leitungen zur Gebäudeentlüftung bündeln und an wenigen Stellen weit über die Dachoberfläche hinausführen, um Geruchsbelästigungen zu vermeiden. Mehr freie Flächen für Grillplatz oder Hochbeete steht somit auch zur Verfügung. Die Hochbeete, Gewächshäuser oder Wintergärten können statisch günstig über tragenden Wänden stehen.

Wer mit den Bewohnern oder Nutzern eines Gebäudes nicht so hoch hinaus will, kann viele Vorteile der Dachbegrünung ebenfalls erhalten. Die Wasserrückhaltung, Verdunstung und Kühlung sowie der Gebäudeschutz mit deutlich längerer Lebensdauer lässt sich schon mit einer extensiven Dachbegrünung erreichen. Das Fraunhofer-Institut für Bauphysik schätzt die Lebensdauer eines Gründachs auf vierzig Jahre. Für ein Dach mit Kiesbedeckung wird lediglich eine Lebensdauer von fünfzehn bis zwanzig Jahren angenommen. Denn die Begrünung schützt die Dachabdichtung vor extremen Temperaturschwankungen und reduziert so die temperaturbedingten Bewegungen erheblich in Anzahl und Ausdehnung. Mit dicken Ästen oder dünneren Baumstämmen, Kies-, Sand- oder Lehmflächen und vielleicht noch einem Stück Teichfolie lässt sich eine einfache extensive Dachbegrünung zu einem Biodiversitätsdach weiterentwickeln.

Fazit: Die Gebäudebegrünung darf nicht als "Nice to have" oder Kosmetik angesehen werden, sondern ist eine wichtige Klimaanpassungsmaßnahme!

Umgang mit Regenwasser (und Hochwasserschutz-Maßnahmen) auf dem Grundstück und am Gebäude

Wasser ist als eines der vier Naturelemente ein zentraler lebensspendender Rohstoff – und zugleich ist Wasser für uns mit der Gefahr vor Verlust von Hab und Gut verbunden, wenn es um unkontrollierte oder unkontrollierbare Wasserereignisse geht. Zivilisationsgeschichtlich sind unser Häuser, Siedlungen und Städte meist als kulturtechnische Antworten auf den Schutz vor Regen, Schnee und vor Hochwasser lesbar. Das Satteldach schützt in seiner Form und Ausprägung vor eindringendem und durchfeuchtendem Wasser und auflastendem Schnee, der Siedlungskern liegt über dem Höchstwasserpegel des nahen Flusses, die Flüsse selbst sind reguliert und mit Hochwasserschutzdämmen versehen.

Mit steigendem Bewusstsein um die Gründe und Auswirkungen des sich wandelnden Klimas gerät auch unser Umgang mit Wasser in den Fokus: Trinkwasser wird weltweit rasant rarer und damit kostbarer und wir sind aufgerufen, verantwortlich mit dieser Ressource umzugehen und damit unsere Kulturtechniken zu hinterfragen. In Bezug auf das Wohnhaus bedeutet dies z.B.: Muss das Niederschlagswasser auf schnellstem Weg über ein steiles Hausdach und senkrechte Fallrohre unter die Erde und in die Kanalisation geführt werden? Oder kann auf allen Schritten bis zur eigenen Grundstückgrenze und auch darüber hinaus das Wasser zurückgehalten werden und damit lokal klimatisch wirksam werden?

Offenes Wasser trägt durch Verdunstungskühlung zur Reduzierung der Überhitzung von Gebäude und Umfeld bei und bewässert mit intelligenten Systemen Dach- und Fassadenbegrünung. In die Vegetationsflächen und zu den Baumstandorten geleitet kann es regelrecht Leben erhalten, da die Pflanzen in Dorf und Stadt zunehmend unter Hitzestress leiden und vertrocknen. Gesunde Pflanzen wiederum tragen ihrerseits durch die natürliche Aufnahme und Verstoffwechslung von Wasser zur Kühlung durch Verdunstung und Beschattung bei. Wir kennen seit Jahrzehnten bewährte Techniken und Bauweisen zum Schutz der Gebäude vor eindringendem Wasser bei begrünten und wasserspeichernden Flachdächern, an den begrünten Fassaden und in den bodenberührten Bauteilen. Lasst uns einen verantwortungsbewussten und klimasensiblen Umgang mit Wasser am Gebäude und auf dem Grundstück zum Standard werden lassen, damit der Niederschlag seine lebenspendenden Potenziale bereits beim Auftreffen aufs Hausdach und Grundstück entfalten kann.

Einen umfassenden Überblick zu diesem Thema erhalten Sie im Webinar BEN-Update "Klimaanpassung am und ums Gebäude". Das Video ist unter diesem Link abrufbar.

Möchten Sie mehr wissen zu diesen Themenbereichen? Oder haben Sie projektbezogene Fragen zum klimaangepassten Planen und Bauen? Wenden Sie sich gerne an die BEN – Beratungsstelle Energieeffizienz und Nachhaltigkeit und nutzen Sie die Möglichkeit zur kostenfreien Erstberatung von Planern und Planerinnen, Bauherren und Bauherrinnen, Interessierten und kommunalen Vertretern und Vertreterinnen.

www.byak-ben.de; ben@byak.de; Tel: 089 139880 88

Wir freuen uns auf Ihre Anfragen!

Autoren: Wolfgang Heidenreich, Andreas Rockinger, Markus Weinig

Weiterführende Links

Naturgefahrenreport der deutschen Versicherer
Link

"Klimaausblicke für die Landkreise" des „Climate Service Center Germany (GERICS)“:
Link

GIS-ImmoRisk Naturgefahren:
Link

Münchner Begrünungsbüro bei Green City e.V.
Link

Praxisratgeber Gebäudebegrünung
Link

Gründachpflege – Nachhaltige Sicherstellung der positiven Wirkungen von Dachbegrünungen durch fachgerechte Pflege und Wartung
Link

Werkzeugkasten Artenvielfalt – Leitfaden für mehr Grün an öffentlichen Gebäuden hrsg. vom Bayerischen Staatsministerium für Wohnen, Bau und Verkehr
Link

Siedlungen an den Klimawandel anpassen – Wasser als wesentlicher Baustein
Link

Leitfaden "Wassersensible Siedlungsentwicklung", STMUV
Link

"Untersuchung der Potentiale für die Nutzung von regenwasser zur Verdunstungskühlung in Städten", UBA
Link

Klima-Faltplan – Hitzeanmpassung in Städten
Link

[Die Links wurden zuletzt am 23.12.2021 geprüft]

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