22.07.2022

iPhone nur mit Sprache bedienen. Jetzt geht's!

Digitale Barrierefreiheit

 

Seit mehr als zwei Jahren gibt es auf dem iPhone die Möglichkeit, das Handy per Sprache zu bedienen. Mit iOS 15 gibt es nun endlich auch eine deutsche Sprachlokalisierung. Für Menschen mit motorischen Einschränkungen kann dies ein großer Schritt hin zur Selbstständigkeit sein.

 

Apple ist Vorreiter bei Bedienungshilfen für Menschen mit Behinderungen

Für blinde Menschen ist Apple seit Jahren das Must-Have Produkt, wenn es um Smartphones geht. Die vom Computer bekannten Screenreader-Funktion nennt sich bei Apple Voice-Over. Damit kann der Inhalt des Bildschirmes vom Handy in eine Sprachausgabe überführt werden. Ergänzend dazu wird Siri benutzt, um Spracheingaben zu machen (Siri ist der bekannte Sprachassistent von Apple).

Es gibt aber auch viele andere Funktionalitäten für Menschen mit Einschränkungen wie Vergrößerungsmöglichkeiten des Bildschirms, assistive Gesten, die Schaltersteuerung des Handys (Bedienung des Handys über einen einzigen externen Button), zuschaltbare Untertitel oder Unterstützungsmöglichkeiten für Hörgeschädigte. Auch eine externe Maus oder Tastatur kann man inzwischen anschließen.

Wie aktiviere ich die Sprachsteuerung und wie bediene ich das iPhone?

Die Sprachsteuerung des iPhones aktiviert man über Einstellungen -> Bedienungshilfen -> Sprachsteuerung. Wenn es mal schnell gehen soll, kann man die Sprachsteuerung auch mit Siri aktivieren oder deaktivieren. Hierzu reicht einfach der für Befehl: „Hey Siri… Sprachsteuerung einschalten“.

In Bezug auf die Bedienung gilt es zunächst, sich mit den Befehlen des Smartphones auseinanderzusetzen. Eine Übersicht nach Kategorien findet man unter dem Menüpunkt „Befehle anpassen“. Hier kann man grob drei Kategorien definieren:

1. Navigation

Die Navigation auf dem Handy findet über eine Nummerierung von Objekten statt. Das erste Objekt, beispielsweise eine App, wird von der Sprachsteuerung mit der Nummer 1 ausgezeichnet und kann mit dem Befehlswort „Eins“ aufgerufen werden.

Apps kann man aber auch direkt mit dem Namen aufrufen. „Whatsapp öffnen“ funktioniert direkt, auch wenn man die App nicht eingeblendet sieht.

Zusätzlich zur Nummerierung gibt es die Rasterfunktionalität, die das Handy in ein Gitter aufteilt, dessen Kästchen man anklicken kann. Das kann helfen, wenn die Nummerierung nicht zu dem passt, was auf dem Bildschirm sichtbar ist. Wir kennen die Rasterfunktionalität aus bekannten Programmen wie Dragon Naturally Speaking , das seit vielen Jahren im Bereich der Sprachbedienung am Computer etabliert ist.

Displayansicht von einem iPhone
Displayansicht von einem iPhone
Displayansicht von einem iPhone

Sprachsteuerung durch Nummerierung

Foto: Stiftung Pfennigparade

2. Gesten

Ein Smartphone lebt hauptsächlich durch Gesten, die man mit den Fingern macht. Die Sprachsteuerung ersetzt diese. Die Navigationsgesten reichen von einfachen Bewegungen, wie das Streichen mit einem Finger über komplexere wie Zoomen bis hin zum Bewegen eines Objektes von einer Position in eine andere.

3. Diktieren

Spracherkennung und Diktieren funktionieren Hand in Hand. Über Siri konnte man schon immer Textnachrichten diktieren.  Im Gegensatz zu Siri lassen sich aber Textpassagen löschen, Wörter korrigieren oder hinzufügen. Man kann im Text navigieren und sogar Emojis hinzufügen. Die Spracherkennung funktioniert über künstliche Intelligenz sehr zuverlässig und teilweise sogar besser als bei Spezialprogrammen für den Computer.

Individualisierung der Sprachsteuerung

Wie tief greifend die Möglichkeiten der Sprachsteuerung sind, sieht man an den Individualisierungsmöglichkeiten. Man kann neue Wörter hinzufügen und trainieren, falls diese nicht im Vokabular vorkommen.

Noch spannender ist aber das Hinzufügen von Befehlen. Hier sind der Fantasie kaum Grenzen gesetzt. Man kann spezielle Bewegungen in das Handy einlernen und mit einem Sprachbefehl verknüpfen. Auch Kurzbefehle kann man direkt einlernen und mit einer Befehlsabfolge auf dem Handy verknüpfen. Man kennt das in ähnlicher Form von Sprachassistenten wie Siri oder Alexa. Überhaupt das Thema Siri…

Der Sprachassistent Siri wird zusätzlich zur Sprachsteuerung benötigt

Neben der Sprachsteuerung ist Siri eine wichtige zusätzliche Funktion, wenn es um die Sprachbedienung geht. Das Aufwecken des iPhones nämlich ausschließlich über die Unterstützung mit Siri. Hier wäre eine Möglichkeit per Sprachsteuerung wünschenswert. In der Kombination mit Siri steckt Stärke und Schwäche zugleich:

Siri hilft manchmal, wenn man etwas schnell umsetzen will, beispielsweise eine WhatsApp Nachricht schreiben. Aber die Möglichkeiten der Bedienung sind sehr eingeschränkt.

Grenzen der Sprachsteuerung

Die Sprachsteuerung funktioniert (noch) nicht so schnell und flüssig wie eine Bedienung per Hand. Ein Smartphone ist schließlich von der Konstruktion und Usability auf eine haptische Bedienung ausgelegt. Die Bedienung per Sprache wird dies nie eins zu eins ersetzen können. Für manche Menschen mit einer Einschränkung mag es auch schneller gehen, das Handy mit einer angeschlossenen (Spezial-)Maus zu bedienen als per Sprache.

Neben der Bedienung kann aber auch die Spracherkennung zum Problem werden: ein Störfaktor kann die Umgebungslautstärke sein. Teilweise werden Geräusche sowie andere Stimmen als Befehle oder Text erkannt. Es kann helfen, die Sprachsteuerung über ein Headset oder Kopfhörer mit Mikrofon zu benutzen, da sich das Mikrofon näher am Kopf befindet und nicht so viele Raumgeräusche aufgreift wie das integrierte Handymikrofon.

Zu guter Letzt kann auch die Sprache ein limitierender Faktor sein. Man muss sich nämlich ausreichend deutlich artikulieren können. Manche Menschen sind hier eingeschränkt, die undeutlich sprechen – beispielsweise durch eine Behinderung. Diese müssen sich teilweise sehr bemühen, deutlich zu reden oder werden nur schlecht verstanden. Hier sind natürliche Grenzen gesetzt. Vergleichbare Probleme gibt es mit starken Dialekten.

Alternativen zur Sprachsteuerung am iPhone

Für viele Menschen mit einer Behinderung ist nach wie vor der Computer (PC) die zentrale Einheit der persönlichen Kommunikation. Dies liegt sicher auch daran, dass Bedienungshilfen am Computer längst etabliert sind. Aber Smartphones holen rasant auf und übertreffen die Funktionalitäten am Computer in Teilen bereits massiv. Textverarbeitung geht häufig schneller und mit einer höheren Treffergenauigkeit als am Computer.

Und nicht nur das iPhone bietet eine Sprachsteuerung des Handys: bei Google als die Funktionalität Voice Access und muss als App installiert werden. Sie ist also anders als beim iPhone nicht von vornherein integriert.

Fazit

Die Sprachsteuerung ist für Menschen mit motorischen Einschränkungen eine tolle Möglichkeit am digitalen- und sozialen Leben  teilzuhaben. Endlich kann man ein Smartphone in all seinen Funktionalitäten ohne den Einsatz von Händen bedienen. Dies schafft auch eine Unabhängigkeit von Hilfsmitteln und der Situation. Egal ob man sich im Bett befindet, ob im Auto oder unterwegs. Solange man das Handy sieht, kann man es per Sprache bedienen. Gerade für Menschen einer Körperbehinderung erleichtern Sprachbedienungen den Alltag, wie kaum ein anderes Hilfsmittel.

Achtung: Update!

Dieser Text wurde zum Stand der iOS Version 15.01 verfasst. In der Version sind noch einige Bugs enthalten, wie das Aufhängen der gesamten Sprachsteuerung nach einem Anruf oder nach der Kameraaktivierung. Außerdem konnte man einen Anruf nicht per Sprache beenden. Die meisten dieser Probleme sind inzwischen durch Updates behoben.

Autorin: Stiftung Pfennigparade

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