Schule für sehbehinderte Kinder in Aschaffenburg

  • Zeitraum: März 2026
  • Beratungsschwerpunkt:
    • Planen & Bauen

Der Neubau der Blindeninstitutsstiftung von Scheel Wetzel Architekten verbindet klare Architektur mit einem differenzierten Konzept für Orientierung, Wahrnehmung und Raumklima – entwickelt für die speziellen Anforderungen seh- und mehrfachbehinderter Kinder.

Der Neubau der Blindeninstitutsstiftung in Aschaffenburg wurde von der ByAK mit der Siegel KlimaKulturKompetenz im Bereich Barrierefreiheit ausgezeichnet. Selbstverständlich führt ein taktiles Leitsystem zum Eingangsbereich.
Außenansicht zweigeschossigen Neubaus mit rot-weißlicher Klinkerfassade, überdachtem Eingangsbereich und Vorplatz mit klar gegliederten Wegeflächen sowie taktil erfassbarem Leitsystem zum Haupteingang.

Der Neubau der Blindeninstitutsstiftung in Aschaffenburg wurde von der ByAK mit der Siegel KlimaKulturKompetenz im Bereich Barrierefreiheit ausgezeichnet. Selbstverständlich führt ein taktiles Leitsystem zum Eingangsbereich.

Foto: Stefan Müller, Berlin

Mit dem Neubau einer Schule mit Tagesstätte und Frühförderungseinrichtungen der Blindeninstitutsstiftung Würzburg in Aschaffenburg-Nilkheim ist ein Bildungsbau entstanden, der konsequent auf die speziellen Bedürfnisse von seh- und mehrfachbehinderten Kindern ausgerichtet ist. Der Entwurf von Scheel Wetzel Architekten aus Berlin verbindet eine klare Grundrissstruktur mit einem differenzierten Konzept für Orientierung, Wahrnehmung und selbstständige Nutzung im Alltag. Die Einrichtung wird von rund 120 Kindern und Jugendlichen im Alter von wenigen Wochen bis 21 Jahren besucht. Neben Unterrichts- und Gruppenräumen umfasst das Raumprogramm auch Frühförderung, Therapiebereiche, ein Therapiebad sowie großzügige Freiräume und Sportanlagen. Der Neubau der Außenstelle der Graf-zu-Bentheim-Schule reagiert damit auf den steigenden Bedarf an Förderplätzen und ersetzt räumlich begrenzte Strukturen einer bisherigen Einrichtung. Die Fassade aus rot-weißlichem Klinker knüpft an die lokale Bautradition des roten Sandsteins in Aschaffenburg an und verleiht dem Gebäude eine robuste und langlebige Erscheinung.

Die Fassaden sind mit hochwertigen Klinkern gestaltet und öffnen sich durch großzügige Fensteröffnungen zum Grünraum hin. Die Innenräume und die Erschließungsflure profitieren von diesem direkten Bezug zu den differenziert gestalteten Außenbereichen.
Innenansicht eines Flurs mit beidseitigen Handläufen und klar gegliederter Wegeführung; rechts eine verglaste Tür mit Zugang zu einem begrünten Innenhof.

Die Fassaden sind mit hochwertigen Klinkern gestaltet und öffnen sich durch großzügige Fensteröffnungen zum Grünraum hin. Die Innenräume und die Erschließungsflure profitieren von diesem direkten Bezug zu den differenziert gestalteten Außenbereichen.

Foto: Stefan Müller, Berlin
Barrierefrei gestalteter Außenbereich entlang der Klassenräume mit direkt zugänglichen Türen, klar geführtem Weg und Aufenthaltsmöglichkeiten.

Foto: Stefan Müller, Berlin

Klare Gebäudestruktur erleichtert Orientierung

Die Anlage besteht aus einem zweigeschossigen, L-förmigen Hauptbaukörper, an den drei niedrige Riegel als Klassenflügel anschließen. Die orthogonale Struktur schafft ein übersichtliches Raumsystem, das besonders für Menschen mit eingeschränktem Sehvermögen gut nachvollziehbar ist. Gerade Flure, rechtwinklige Abzweigungen und logisch angeordnete Raumfolgen erleichtern es den Nutzerinnen und Nutzern, sich selbstständig im Gebäude zu bewegen. Im Hauptgebäude befinden sich zentrale Funktionen wie Verwaltung, Therapie und Veranstaltungsräume. Die Klassenräume sind in den niedrigen Gebäudeflügeln angeordnet und orientieren sich zu geschützten begrünten Höfen. Dadurch entstehen überschaubare Lernbereiche mit kurzen Wegen und klar definierten Aufenthaltszonen. 

Grundriss Erdgeschoss
L-förmiger Bau mit drei angegliederten Fingern für die Klassenräume.

Grundriss Erdgeschoss

Foto: Scheel Wetzel Architekten, Berlin
Grundriss Obergeschoss
L-förmiger Riegel mit langem Gang, Dachaufsicht der eingeschossigen Finger.

Grundriss Obergeschoss

Foto: Scheel Wetzel Architekten, Berlin
Der großzügige Eingangsbereich ist als zentraler Aufenthalts- und Verteilerraum ausgebildet und barrierefrei zugänglich. Die Flure sind mit durchgehenden Handläufen und farblich differenzierten Einbauten als Teil des Orientierungskonzepts ausgestattet.
Großzügiger gestalteter Eingangsbereich mit stufenlosem Zugang, klarer Raumstruktur und großen Fensterflächen entlang der Fassade.

Der großzügige Eingangsbereich ist als zentraler Aufenthalts- und Verteilerraum ausgebildet und barrierefrei zugänglich. Die Flure sind mit durchgehenden Handläufen und farblich differenzierten Einbauten als Teil des Orientierungskonzepts ausgestattet.

Foto: Stefan Müller, Berlin
Langer, heller Flur mit beidseitigen Handläufen, großen Fensteröffnungen, grün akzentuierten Einbauten und gleichmäßiger Belichtung durch Tageslicht.

Foto: Stefan Müller, Berlin

Räumliche, taktile, visuelle und raumklimatische Leitlinien

Das barrierefreie Konzept wurde individuell für den Nutzerkreis der schwerst- und sehbehinderten Kinder entwickelt und geht über die Anforderungen der DIN 18040 und der BayBO hinaus. Zentrales Element ist die Gestaltung der Erschließungsbereiche: Aufenthalts- und Erschließungsbereiche sind klar voneinander getrennt. Das Gebäude ist selbstverständlich vollständig barrierefrei erschlossen, die Flure sind darüber hinaus mit durchgehenden Handläufen und Leitwänden ausgestattet, die eine taktile Orientierung im Gebäude ermöglichen. Ergänzend dazu sind Handläufe und Beschilderungen mit taktilen Informationen versehen. Die visuelle Orientierung wird durch ein abgestimmtes Farbkonzept unterstützt, das unterschiedliche Funktions- und Klassenbereiche über kontrastreiche Farbgebung voneinander unterscheidet. Ein Lichtleitsystem und gezielte Tageslichtführung erleichtern die räumliche Wahrnehmung und tragen dazu bei, Orte, Raumkanten und Bewegungsrichtungen zu unterscheiden. Maßnahmen zur akustischen Bedämpfung nach DIN 18041 reduzieren störende Geräuschüberlagerungen, damit die Sprachverständlichkeit und relevante Geräusche besser wahrgenommen werden. Neben der Orientierung spielte auch das Raumklima eine zentrale Rolle bei der Planung. Viele sehbehinderte Menschen nehmen Geräusche, Luftbewegungen oder Temperaturunterschiede besonders sensibel wahr. Daher wurde ein dezentrales Lüftungssystem mit Wärmerückgewinnung integriert, das kontinuierlich Frischluft zuführt, ohne störende Geräusche oder Zugluft zu erzeugen. Ventilatoren in den Fensterelementen sorgen für einen regelmäßigen Luftaustausch, während die Abluft im Winter zur Vorwärmung der Frischluft genutzt wird.

Kontrastreiche Gestaltung und klare Übergänge unterstützen Orientierung und Nutzung – von den Klassenräumen bis zu den barrierefrei ausgestatteten Sanitärräumen.
Innenraum mit kontrastreich gerahmter Schiebetür zum benachbarten Lehrraum.

Kontrastreiche Gestaltung und klare Übergänge unterstützen Orientierung und Nutzung – von den Klassenräumen bis zu den barrierefrei ausgestatteten Sanitärräumen.

Foto: Stefan Müller, Berlin
Barrierefreier Sanitärraum mit unterfahrbarem Waschbecken, Haltegriffen, bodengleicher Dusche und Deckenlifter.

Foto: Stefan Müller, Berlin

Begegnungs- und Erfahrungsräume

Ein vorgelagerter Platz ist so gestaltet, dass das tägliche Bringen und Abholen der Kinder mit Kleinbussen sicher organisiert werden kann. Gerade für Einrichtungen mit hohem Anteil an Fahrdiensten ist diese räumliche Organisation ein wichtiger Bestandteil der barrierefreien Erschließung. Das Gebäude selbst wird über einen großzügigen Pausenraum betreten, der zugleich als Eingangs-, Aufenthalts- und Verteilerraum dient. Angrenzend befinden sich Mehrzweck- und Musikräume, die über mobile Trennwände miteinander verbunden werden können. So lassen sich unterschiedliche Nutzungsszenarien realisieren – von schulischen Veranstaltungen bis hin zu gemeinschaftlichen Aktivitäten. Ein besonderer Bestandteil des Raumprogramms ist ein Therapiebad mit Hubboden. Dieses ist als ruhiger, geschützter Raum konzipiert, der sich zu einem bepflanzten Patio orientiert und eine ruhige Atmosphäre schafft, die therapeutische Angebote unterstützt. Die von Wamsler Rohloff Wirzmüller FreiRaumarchitekten gestalteten Höfe zwischen den Klassenflügeln dienen als Aufenthalts- und Naturräume, als erweiterte Lernräume, die unmittelbare Naturerfahrungen ermöglichen. Gerade für Kinder mit Sehbeeinträchtigungen spielen Geräusche, Materialien, Temperatur und räumliche Übergänge eine wichtige Rolle bei der Wahrnehmung von Umgebung. Die geschützten Höfe schaffen hierfür geeignete Bedingungen und fördern gleichzeitig Begegnung und Austausch zwischen den Klassen und der Tagesstätte.

Scheel Wetzel Architekten blicken mit dem Neubau der Blindeninstitutsstiftung Aschaffenburg auf fundierte Erfahrung mit Bauten für Blinde und seheingeschränkte Personen zurück. Zuvor realisierten sie bereits 2006 den Neubau des Blindeninstituts in Regensburg und stellten 2022 dessen Erweiterung um eine Wohn- und Förderstätte einschließlich Therapiebereich fertig.