Schularchitektur, die Orientierung schafft
- Zeitraum: April 2026
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Beratungsschwerpunkt:
- Planen & Bauen
Mit der Grundschule am Karl-Marx-Ring von Auer Weber ist ein Bildungsbau entstanden, der Barrierefreiheit von Anfang an mitdenkt. Klare Gebäudestrukturen, ein kindgerechtes Signaletik-Konzept und multisensorische Orientierungselemente schaffen eine Lernumgebung, die allen Kindern selbstständige Teilhabe ermöglicht.
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Der von der Straße mit einer geschwungenen Lärmschutzwand abgetrennte Eingangs- und Pausenhof strahlt die Atmosphäre eines Stadtplatzes aus und verbindet die verschiedenen Baukörper.
Das Schulensemble vereint Grundschule, Sporthalle und ein „Haus für Kinder“ mit integrativem Ansatz. Von Beginn an war das Ziel, eine Lernumgebung zu schaffen, die allen Kindern – unabhängig von körperlichen oder sensorischen Einschränkungen – eine selbstständige Nutzung und Orientierung ermöglicht. Die Schule liegt im Münchner Stadtteil Neuperlach und bildet zusammen mit Sport- und Freiflächen einen offenen, campusartigen Bildungsstandort. Mehrere Baukörper gruppieren sich um klar gefasste Außenräume und Pausenhöfe. Diese übersichtliche Anordnung erleichtert nicht nur die Orientierung auf dem Gelände, sondern ermöglicht auch kurze Wege zwischen den Nutzungsbereichen. Die Volumenanordnung unterstützt die intuitive Erschließung. Eingänge, Wegebeziehungen und zentrale Funktionsbereiche sind klar ablesbar und logisch miteinander verknüpft. Damit entsteht eine räumliche Organisation, die für Kinder sowie für Menschen mit Orientierungs- oder Wahrnehmungseinschränkungen gut verständlich ist.
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Das von der Architekturillustratorin Sabine Heine entwickelte Signaletik-Konzept, das auf Skizzen von Kindern basiert, ermöglicht eine spielerische und kindgerechte Orientierung.


Orientierung und Signaletik
Für die Grundschule wurde zusammen mit der Architektur-Illustratorin Sabine Heine ein charakteristisches Signaletik-Konzept entwickelt, das nicht nur visuell, sondern auch taktil erfassbar ist. Raumbeschilderungen sind tastbar ausgeführt und unterstützen damit auch Nutzerinnen und Nutzer mit Sehbeeinträchtigungen. Unterschiedliche Farb- und Materialkonzepte strukturieren die Bereiche und erleichtern das Wiedererkennen von Orten. Die grafische Grundlage bilden Tiermotive aus fünf Kontinenten, die im Rahmen eines Workshops mit Schülerinnen und Schülern entstanden sind. Die Illustrationen prägen das Wegeleitsystem des gesamten Ensembles: Dynamische Tierdarstellungen weisen beispielsweise den Weg zur Sporthalle, während jedes Lernhaus einer eigenen Tier- und Farbwelt zugeordnet ist. So entsteht ein spielerisches Orientierungssystem, das für Kinder leicht verständlich ist und zugleich die Identifikation mit dem Lernort stärkt.
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Alle Maßnahmen zur Barrierefreiheit wie das taktile Leitsystem im Außenraum, die Treppenmarkierungen und Handläufe sowie klar gekennzeichnete Raumkanten fügen sich wie selbstverständlich in die Gestaltung ein.


Konsequente Barrierefreiheit
Alle Hauptzugänge sind stufenlos erreichbar und mit automatischen Türantrieben ausgestattet. Sämtliche Baukörper verfügen über Aufzüge, sodass alle Geschosse ohne Einschränkung zugänglich sind. Zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen wie Unterlaufschutz an Treppen unterstützen die barrierefreie Nutzung, die Stufenvorderkanten sind kontrastreich markiert. Handläufe werden über Zwischenpodeste hinweg geführt und tragen Geschosskennzeichnungen in Brailleschrift. Auch im Außenraum wurde auf eine durchgängige Zugänglichkeit geachtet: Ein Blindenleitsystem führt vom öffentlichen Straßenraum zu den Gebäudezugängen und erleichtert Menschen mit Sehbeeinträchtigung die Orientierung bereits auf dem Schulgelände. Neben taktilen und visuellen Orientierungshilfen berücksichtigt das Gebäude auch akustische und räumliche Anforderungen inklusiver Nutzung. Inklusionsräume verfügen über optimierte Raumakustik, die das Sprachverständnis verbessert. Ergänzend sind induktive Höranlagen vorhanden. In der Sporthalle sorgen visuelle Kontraste für eine bessere Wahrnehmbarkeit der Raumkanten und Bewegungsflächen. Das benachbarte Haus für Kinder wird als Integrationseinrichtung betrieben und erweitert das inklusive Nutzungskonzept des gesamten Campus.
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Die Lernhäuser verfügen über große mittige Flurbereiche mit verglastem Lichthof. Zahlreiche Öffnungsflügel ermöglichen neben der natürlichen Belüftung auch eine Nachtauskühlung. Helle Linoleumfußböden, Holz-Alu-Fenster und Türen aus Tannenholz prägen das Bild.

Architektur als ruhiger Hintergrund
Die Architektur des Ensembles setzt bewusst auf eine reduzierte Material- und Farbpalette. Wasserstrichziegel prägen die Fassaden und verleihen den Baukörpern eine ruhige, erdverbundene Wirkung. Im Inneren bilden Sichtbeton, Holzoberflächen und helle Bodenbeläge einen zurückhaltenden Rahmen für das lebendige Schulleben. Die Architektur tritt bewusst in den Hintergrund und schafft damit die räumlichen Voraussetzungen für Orientierung, Begegnung und gemeinsames Lernen. Mit der Grundschule am Karl-Marx-Ring zeigen Auer Weber, wie Barrierefreiheit, kindgerechte Signaletik und klare architektonische Strukturen zusammenwirken können. Durch die Verbindung von inklusiver Planung und gestalterischer Qualität entsteht ein Lernort, der Selbstständigkeit fördert und allen Kindern eine gleichberechtigte Teilhabe am Schulalltag ermöglicht.
Planmaterial:
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Lageplan
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Schnitte
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Grundriss EG
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Grundriss OG
Text: Bettina Sigmund
Mehr über die Grundschule am Karl-Marx-Ring:
https://www.auer-weber.de/projekte/details/grundschule-am-karl-marx-ring-muenchen.html








