Ein Baumwipfelpfad als Erlebnisraum

  • Zeitraum: Juni 2025
  • Beratungsschwerpunkt:
    • Planen & Bauen

Ein einzigartiger Höhenweg durch die Baumkronen: Der barrierefreie Baumwipfelpfad Neuschönau verbindet Architektur, Naturerlebnis und Inklusion – und begeistert seit über 15 Jahren Besucher aus aller Welt.

Der Baumwipfelpfad mit dem sogenannten „Baum-Ei“ bietet eine völlig neue Möglichkeit, die Natur zu entdecken.
Die runde Holzstruktur aus Vogelperspektive von oben inmitten eines grünen Mischwaldes. Viele Besuchende stehen auf der Aussichtsplattform.

Der Baumwipfelpfad mit dem sogenannten „Baum-Ei“ bietet eine völlig neue Möglichkeit, die Natur zu entdecken.

Foto: Erlebnis Akademie AG

Der Wald ist ein Ort der Ruhe, des Rückzugs – aber auch ein Ort, der oft nur eingeschränkt zugänglich ist. Besonders der Bereich der Baumkronen, der für das ökologische Verständnis und die emotionale Wahrnehmung von Natur eine zentrale Rolle spielt, bleibt den meisten Menschen normalerweise verborgen. Mit dem Baumwipfelpfad der Erlebnisakademie in Neuschönau im Bayerischen Wald wurde von STÖGER+KÖLBL Architekten ein Ort geschaffen, der diese Grenze überwindet, nicht nur in der Höhe, sondern auch im Denken. Das Besondere: Der Zugang zur Natur ist hier nicht exklusiv, sondern inklusiv – barrierefrei, naturnah und architektonisch anspruchsvoll.

Der Steg verläuft mit einer maximalen Steigung von 6 %, dazwischen immer Elemente mit 0 % und auch 2 % Steigung. Eine Höhe von bis zu 22 m über dem Boden kann meist problemlos aus eigener Kraft auch von Menschen mit körperlichen Einschränkungen erreicht werden.
Die Ei-förmige Holzkonstruktion aus der Ferne.

Der Steg verläuft mit einer maximalen Steigung von 6 %, dazwischen immer Elemente mit 0 % und auch 2 % Steigung. Eine Höhe von bis zu 22 m über dem Boden kann meist problemlos aus eigener Kraft auch von Menschen mit körperlichen Einschränkungen erreicht werden.

Foto: Erlebnis Akademie AG
Besuchende auf dem Steg, die eine Person im Rollstuhl schieben.

Foto: Erlebnis Akademie AG

Ein Weg, der neue Perspektiven eröffnet

„Ein Spazierpfad zwischen den Bäumen – für alle“ war die Leitidee, die das Projekt von Anfang an prägte. Die Nationalparkverwaltung formulierte klare Anforderungen an die Barrierefreiheit, nicht als Ausnahme, sondern als selbstverständlichen Teil der Gestaltung. Das Ergebnis ist ein Bauwerk, das Menschen jeden Alters, jeder Fähigkeit und Mobilität erlaubt, den Wald aus einer neuen Perspektive zu erleben. Der Baumwipfelpfad war bei seiner Eröffnung im Jahr 2009 ein Pionierprojekt – in seiner baulichen Umsetzung, in seiner klaren Haltung zur Barrierefreiheit und in seiner harmonischen Einbindung in den Naturraum. Heute – mehr als 15 Jahre später – sind in vielen Regionen ähnliche Projekte entstanden, in Deutschland und darüber hinaus. Die Idee, Natur aus der Perspektive der Baumkronen zugänglich zu machen, hat Schule gemacht. Umso wertvoller ist der Blick zurück auf jenes erste Projekt, das diesen Weg bereitet hat. Der Baumwipfelpfad in Neuschönau steht exemplarisch für einen bewussten, integrativen und nachhaltigen Zugang zur Landschaft. Er zeigt, wie auch Menschen mit körperlichen Einschränkungen die Natur eigenständig, sicher und in voller Tiefe erleben können.

Der Pfad macht die Besucher „gleicher“ – weil er für alle einen neuen Blickwinkel offenbart.
Ausschnitt des Pfads in dem Baumwipfeln mit zwei spazierenden Personen, eine davon im Elektrorollstuhl.

Der Pfad macht die Besucher „gleicher“ – weil er für alle einen neuen Blickwinkel offenbart.

Foto: Erlebnis Akademie AG
Der Pfad in etwa 10 m Höhe vom Waldboden aus betrachtet.

Foto: Stöger + Kölbl Architekten

Barrierefreiheit als Grundhaltung

Der Baumwipfelpfad wurde von Anfang an als barrierefreies Erlebnis konzipiert – nicht als technischer Zusatz, sondern als zentrales Gestaltungsprinzip. Die Umsetzung orientiert sich konsequent an den einschlägigen Normen, insbesondere der DIN 18040, und setzt Barrierefreiheit sowohl funktional als auch gestalterisch anspruchsvoll um.

Der Steg verläuft mit einer gleichmäßigen Steigung von maximal 6 % und weist keine Quergefälle auf. Mit einer durchgehend großzügigen Breite von über 1,80 m ist ausreichend Platz für sich begegnende Nutzergruppen – ob zu Fuß, mit dem Rollstuhl oder Kinderwagen. Der Zugang erfolgt über einen Aufzugsturm, der die Höhendifferenz zur Nationalparkstraße überwindet und den Einstieg ohne Hindernisse ermöglicht. Der Belag des Stegs ist für Rollstuhl und Rollator geeignet, mit geringer Fugenbreite und rutschfester Oberfläche. Zusätzliche Sicherheit bieten visuelle und taktile Leitelemente, während regelmäßig platzierte Zwischenpodeste mit 0 % Steigung die Möglichkeit zum Ausruhen und Verweilen bieten.

„Der Pfad macht alle gleich. Es ist total egal, ob man alt ist oder jung, ob man rollt oder ob man geht – jeder erlebt eine neue Perspektive“,

berichtet die Architektin Johanna Stöger.  So ist der Pfad nicht nur für mobilitätseingeschränkte Personen, sondern auch für ältere Menschen, Familien mit kleinen Kindern oder Besucher mit temporären Einschränkungen vollumfänglich nutzbar. Er schafft ein gleichwertiges, selbstbestimmtes Naturerlebnis ohne Barrieren und ohne Kompromisse.

Der Pfad ist gesamt ca. 1.300 m lang, wovon ca. 850 m auf den Steg ausfallen und 450 m auf den Aussichtsturm. Info- und Spielstation erlauben Pausen.
Pfad und Aussichtsplattform aus der Vogelperspektive.

Der Pfad ist gesamt ca. 1.300 m lang, wovon ca. 850 m auf den Steg ausfallen und 450 m auf den Aussichtsturm. Info- und Spielstation erlauben Pausen.

Foto: Erlebnis Akademie AG
Ein Vater mit zwei Töchtern, eine davon im Rollstuhl, an einer Wissensstation.

Foto: Erlebnis Akademie AG

Form folgt Zugänglichkeit

Die Tragstruktur besteht aus regionalen Nadelhölzern, getragen von schräg gestellten Stützenpaaren und aufliegenden Leimholzbindern. Die Laufebene ist mit rutschfesten Holzbohlen ausgestattet. Die Absturzsicherung erfolgt über ein zurückhaltend eingesetztes Edelstahlnetz, das den Blick in die Landschaft nicht einschränkt. Die Wegeführung ist sanft geschwungen und folgt dem natürlichen Terrain. Zwischenelemente ohne Steigung ermöglichen Orientierungspausen, Ausblicke und Information. Rollstühle, Rollatoren, aber auch Kinderwägen und Bollerwägen können einfach über die Holzbohlen rollen, die gleichzeitig durch die Fugen eine gute Rutschhemmung bieten. Der Handlauf sowie die beidseitige 16 cm hohe Fußleiste bieten entsprechend der damals gültigen DIN 18024-1 einen sicheren Rahmen. Am Ende des Stegs erhebt sich der 44 m hohe Aussichtsturm – eine Holzkonstruktion in ellipsoider Form, die aufgrund ihrer Erscheinung oft als „Baum-Ei“ bezeichnet wird. Im Inneren wachsen Bäume, die bewusst in das Bauwerk integriert wurden – ein gestalterisches Symbol für das Miteinander von Architektur und Natur. Die spiralförmige Rampe führt in sieben Umdrehungen vollständig barrierefrei auf die Plattform in 40 m Höhe. „Jeder kann aus eigener Kraft bis nach oben gehen. Das ist für viele ein ganz besonderes Erlebnis“, berichtet Johanna Stöger über die Wirkung des Turms.

Das fast transparent wirkende Edelstahlnetz macht den Wald auch aus einer sitzenden Perspektive sehr gut erlebbar und beschränkt die Sicht nicht.
Das „Baum-Ei“ mit seiner Holzkonstruktion von innen. In der Mitte wachsen Bäume.

Das fast transparent wirkende Edelstahlnetz macht den Wald auch aus einer sitzenden Perspektive sehr gut erlebbar und beschränkt die Sicht nicht.

Foto: Stöger + Köbl Architekten
Zwei Männer spazieren auf dem Steg, einer rollt, der andere schlendert.

Foto: Erlebnis Akademie AG

Mehr als ein Steg durch die Wipfel

Der Baumwipfelpfad im Bayerischen Wald zeigt, wie Architektur zum Vermittler werden kann – zwischen Mensch und Natur, zwischen Bewegung und Ruhe, zwischen Erlebnis und Verantwortung. Er macht den Wald für alle erlebbar. Auch 15 Jahre nach seiner Eröffnung hat der Baumwipfelpfad nichts von seiner Anziehungskraft verloren. Im Jahr 2024 wurde das 15-jährige Bestehen feierlich begangen. Mit exakt 3,5 Millionen Besuchern (am 22.01.26 wurde der 3,5-millionsten Gast gezählt) hat sich der Pfad längst als touristischer Anziehungspunkt und wirtschaftlicher Impulsgeber für die gesamte Region etabliert. Was einst als visionäres Einzelprojekt begann, ist heute ein lebendiger Beweis dafür, wie dauerhaft wirksam gute Ideen weiterwachsen können.