Wenn Barrierefreiheit nicht genügt: Ein neuer Leitfaden zeigt, was Pflegearchitektur wirklich braucht
Planen und Bauen
Die Handreichung verknüpft die Grundsätze der DIN 18040 mit den realen Bedingungen pflegerischer Abläufe und bietet praxisorientierte Grundlagen für die bedarfsgerechte Planung von Pflege- und Versorgungseinrichtungen.
![]() |
In Pflegeeinrichtungen ist nicht nur Barrierefreiheit, sondern assistierte Barrierefreiheit notwendig.
Wie gelingt barrierefreie Planung, wenn die DIN 18040 zwar grundlegende Anforderungen für öffentlich zugängliche Gebäude und Wohnungen definiert, aber viele typische Situationen pflegerischer Versorgungsformen kaum beschreibt? Diese Frage stellt sich in der Praxis immer wieder – denn Pflegeeinrichtungen, ambulant betreute Wohngemeinschaften, Tagespflegen oder Hospize funktionieren räumlich anders als klassische Wohn- oder Publikumsbereiche, berücksichtigt in der DIN. Assistierte Mobilität, Transfers, der Einsatz von Rollatoren oder anderen Hilfsmitteln und das gleichzeitige Agieren von Bewohnenden, Pflegenden und Besucherinnen und Besuchern sind in der Norm nur ansatzweise enthalten. Genau diese Lücke schließt der neue Leitfaden der Bayerischen Architektenkammer „Barrierefreies Bauen – Planung und Umsetzung von baulichen Anforderungen für pflegerische Versorgungsformen“.
Wenn die DIN 18040 an ihre Grenzen stößt
Der Leitfaden verknüpft die Grundsätze der DIN 18040 mit den realen Bedingungen pflegerischer Abläufe – und schafft damit erstmals einen praxisgerechten Maßstab für diese besonderen Gebäudetypen. Die Informationen wurde von drei ausgewiesenen Fachautorinnen und Autoren erarbeitet die ihre Expertise aus Architektur, Praxisforschung und Qualitätsprüfung eingebracht haben: Dr.-Ing. Birgit Dietz, bekannt für ihre langjährige Arbeit zur demenzsensiblen Architektur, Markus Donhauser, der die pflegefachlichen und prozessualen Anforderungen aus der Perspektive der Planungspraxis und Normung einbringt, und Klaus Helzel vom TÜV Süd, der die Sicht der baulichen Prüfung und Qualitätssicherung ergänzt. Alle drei eint die Überzeugung, dass pflegerische Versorgungsformen weit mehr benötigen als eine Anwendung der üblichen Barrierefreiheitsnorm. So heißt es im Leitfaden: „Die Anforderungen der DIN werden (…) auf die besonderen Nutzergruppen übertragen, für die die Norm bislang keine passgenauen Vorgaben bereithält.“ Dafür übersetzen sie die theoretischen Anforderungen der DIN in eine praxisnahe Systematik, die konkrete Raumbedarfe, Bewegungsabläufe, Nutzergruppen und Arbeitsprozesse berücksichtigt. Um diese besondere Komplexität abzubilden, wurde
„der Leitfaden nicht im stillen Kämmerlein entwickelt, sondern in einem dialogischen Prozess mit Fachleuten aus Pflege, Planung, Aufsicht und Praxis. In zahlreichen Hearings mit Expertinnen und Experten wurden typische Szenarien, räumliche Engstellen, funktionale Anforderungen und Nutzungssituationen ausgewertet und in Empfehlungen überführt. Das Ergebnis ist ein Dokument, das nicht nur beschreibt, was barrierefrei sein sollte, sondern analysiert, wie Pflege tatsächlich funktioniert – und welche räumlichen Voraussetzungen dafür geschaffen werden müssen“,
so Markus Donhauser.
![]() |
Eine kleine Auswahl der erläuterten Hilfsmittel von Rollator über Cosy Chair bis Liegelifter, die inklusive des Platzbedarfs für die Assistenzperson erläutert werden.

Assistierte Nutzung statt Selbstständigkeit
Die DIN 18040 definiert Barrierefreiheit, indem sie fordert, dass Räume „grundsätzlich ohne fremde Hilfe zugänglich und nutzbar“ sein müssen – ein zentrales Paradigma barrierefreien Bauens. Doch genau dieses Paradigma trägt in pflegerischen Versorgungsformen nicht. Denn hier geht es selten um die alleinige Nutzung, sondern vielmehr um assistierte Nutzung, um Mobilitätshilfen, besondere Bewegungsabläufe und um die parallele Nutzung durch Bewohnerinnen und Bewohner sowie Pflege- und Assistenzpersonen. Markus Donhauser verdeutlicht:
„Die Norm orientiert sich an Menschen mit Seh- oder Hörbehinderungen, Blindheit oder Rollstuhlnutzung – aber Sie finden in der ganzen Norm keinen Rollator. Dabei ist der Rollator in stationären Einrichtungen die häufigste Mobilitätshilfe.“
Damit wird klar: Die DIN bildet elementare Grundlagen ab – aber sie berücksichtigt weder pflegerische Abläufe noch die tatsächliche Heterogenität der Nutzergruppen. Auch das Paradigma „ohne fremde Hilfe“ wird in Pflegeeinrichtungen schnell zur Planungsfalle, denn hier sind beispielsweise Unterstützung beim Toilettengang oder beim An- und Auskleiden Alltag.
![]() |
Ein beispielhafter Sanitärraum, dessen Nutzung bei unterschiedlichen Assistenzgraden immer möglich ist.
Jede Pflegeform hat eigene Anforderungen
Der neue Leitfaden ergänzt die DIN systematisch. Er beschreibt, wo die Norm an Grenzen stößt und wo Barrierefreiheit für Pflege beginnt. Dazu zählen grundlegende Parameter wie Flurbreiten, Bewegungsflächen, Türsituationen, Aufzüge, Pflegebäder, Wohn- und Aufenthaltsbereiche, alles ausgerichtet auf eine Realität, in der Menschen begleitet werden und Mobilitätshilfen in unterschiedlichsten Formen genutzt werden. Besonders hilfreich ist, dass der Leitfaden diesen Mehrbedarf nicht abstrakt, sondern wohnform- bzw. pflegeformbezogen beschreibt. Für jede Versorgungsform – stationäre Pflege, Hospize, Tagespflege, ambulant betreute Wohngemeinschaften, Demenz-WGs, Intensivpflege-WGs und Begegnungsstätten – wurden die Nutzergruppen, die rechtlichen Rahmen, Anforderungen an Bewegungsflächen und funktionale Zonen systematisch erfasst. Diese breite Informationsbasis verleiht dem Leitfaden eine hohe Praxisnähe.
Gute Pflegearchitektur entsteht aus Verständnis
Damit verbindet der Leitfaden, was in der Planung bisher oft getrennt blieb: die normative Grundlage der DIN 18040 und die gelebte Realität pflegerischer Abläufe. Planende erhalten ein Instrument, das klare Empfehlungen aus der Praxis gibt und zugleich die Brücke zur Norm schlägt. Der neue Leitfaden schließt damit eine Lücke. Er zeigt: Gute Pflegearchitektur entsteht nicht durch Mindestanforderungen, sondern durch ein Verständnis für Menschen, Abläufe, Mobilitätshilfen und Unterstützung.
Autorin: Bettina Sigmund
Zum kostenlosen Download des Leitfadens: Link



