17.12.2025

Gesundheit ohne Hindernisse – Förderung für barrierefreie Arztpraxen

Planen und Bauen

Viele Menschen benötigen in Arztpraxen besondere Unterstützung
Eine Ärztin spricht mit einem Senioren mit Gehhilfe.

Viele Menschen benötigen in Arztpraxen besondere Unterstützung

Foto: freepik.com

Barrierefreiheit in Arztpraxen ist weit mehr als eine baurechtliche Pflicht. Sie ist ein Qualitätsmerkmal durchdachter Planung, ein Beitrag zu sozialer Teilhabe und zunehmend auch ein wirtschaftlicher Faktor. Für Planerinnen und Planer sowie Praxisinhaber und Inhaberinnen und das Praxisteam eröffnet sich hier ein wichtiges Handlungsfeld, das Prof. Dr.-Ing. Birgit Dietz, Expertin für Gesundheits-, Alters- und demenzsensible Architektur, seit Jahren prägt und schärft

Für Menschen mit körperlichen, sensorischen oder kognitiven Einschränkungen ist es leider nicht selbstverständlich, medizinische Versorgung selbstbestimmt, sicher und würdevoll in Anspruch nehmen zu können. Eine wirklich barrierefreie Praxisplanung geht dabei weit über Rampen, Türbreiten oder Bewegungsflächen hinaus. Sie schafft Umgebungen, in denen sich alle Menschen sicher bewegen, informieren und behandeln lassen können. Zudem muss an Platz für Hilfsmittel, wie Rollatoren, Rollstühle, aber auch Kinderwagen etc. gedacht werden. Nicht nur die Architektur, sondern auch die analoge und digitale Ausstattung einer Praxis tragen entscheidend dazu bei, wie zugänglich, verständlich und respektvoll Gesundheitsräume wahrgenommen werden.

Birgit Dietz ist Leiterin des Bayerischen Instituts für Alters- und Demenzsensible Architektur und verantwortet als Honorarprofessorin an der TUM School of Engineering and Design das Fachgebiet Architecture and Care.
Porträt einer Frau mittleren Alters mit schulterlangen, leicht gewellten blonden Haaren. Sie trägt ein blaues Sakko über einem pinken Oberteil und lächelt freundlich in die Kamera.

Birgit Dietz ist Leiterin des Bayerischen Instituts für Alters- und Demenzsensible Architektur und verantwortet als Honorarprofessorin an der TUM School of Engineering and Design das Fachgebiet Architecture and Care.

Foto: BIfadA

Prof. Dr.-Ing. Birgit Dietz, Leiterin des Bayerischen Instituts für Alters- und Demenzsensible Architektur und Beraterin der Beratungsstelle Barrierefreiheit der ByAK betont, dass Barrierefreiheit im Gesundheitswesen stärker als Qualitätskriterium und nicht nur als bauliche Pflicht verstanden werden muss.

„Wir müssen öffentlich viel mehr darüber reden, mit guten Beispielen, Wettbewerben oder Förderpreisen vorgehen“,

sagt sie. Ebenso wichtig sei es, das Bewusstsein dafür zu schärfen, dass letztlich alle profitieren: Menschen mit und ohne Beeinträchtigungen, Personen mit motorischen, sensorischen, kognitiven oder sprachlichen Einschränkungen, Patienten und Patientinnen mit Begleitpersonen sowie das gesamte Praxispersonal. Eine barrierefreie Umgebung erleichtere den Praxisalltag. Gut auffindbare Wege, sichere Orientierung und eine Umgebung, die selbstständig genutzt werden kann, führen dazu, dass sich Menschen besser zurechtfinden, sich sicherer fühlen und weniger Unterstützung benötigen, wodurch das Praxisteam spürbar entlastet wird.

Barrierefreiheit beginnt beim Konzept

Patientinnen und Patienten stoßen im Praxisalltag auch auf Hürden, die nicht allein durch bauliche Eingriffe gelöst werden können. Dazu gehören beispielsweise schwierig zu nutzende digitale Systeme, schwer verständliche Informationen oder organisatorische Abläufe, die nicht auf Inklusion ausgelegt sind. Eine barrierefreie Praxisplanung umfasst deshalb mehrere Dimensionen:

  • Bauliche Barrierefreiheit, darunter barrierefreie Zugänge, Bewegungsflächen, kontrastreiche Gestaltung, gute natürliche Belichtung und ergänzende künstliche Beleuchtung, gute Raumakustik und Sprachverständlichkeit, barrierefreie Sanitäranlagen, geeignete Möblierung und Untersuchungsbereiche.
  • Kommunikative Barrierefreiheit wie akustische und visuelle Orientierungssysteme, induktive Höranlagen, klare Signaletik, gut lesbare Beschilderung und reduzierte Reizdichte.
  • Digitale und sprachliche Zugänglichkeit durch barrierefreie Onlinetools und digitale Formulare, Informationen in Leichter Sprache oder Großdruck, visuell unterstützte Patienteninformationen.

Birgit Dietz rät Planenden, Barrierefreiheit frühzeitig als durchgängiges Konzept zu denken und alle Beteiligten einzubeziehen – von den Reinigungskräften bis zum Facility Management.

„Nur wenn alle ein Bewusstsein dafür entwickeln, was die Patientinnen und Patienten sowie das Personal tatsächlich brauchen, gelingt der Praxisalltag“,

so die Expertin. Zudem betont sie die Bedeutung von Erfahrung und Perspektivwechsel:

„Barrieren erkennt man besser, wenn man sie selbst erlebt. Das kann man üben, z.B. mit Simulationen oder einfachen Rollenspielen. Wer einmal mit einer Brille, die Sehbeeinträchtigungen simuliert, durch einen Flur geht, versteht sofort, worauf es ankommt.“

Gerade im Praxisumfeld spielen auch Themen wie Privatsphäre und Diskretion eine Rolle. Wenn Personen beim Ausfüllen von Formularen Unterstützung benötigen, sollte dies nicht am offenen Empfang erfolgen. Hier sind durchdachte Raumkonzepte und Kommunikationszonen gefragt, die funktional und sensibel zugleich sind. Auch die Bedürfnisse von begleitenden Kindern sollten berücksichtigt werden, etwa durch kleine, gut einsehbare Wartebereiche, die Sicherheit geben und gleichzeitig den Ablauf nicht stören. Ebenso wichtig ist der Blick auf andere Begleitkonstellationen, etwa der Einsatz von Assistenzhunden: Ihr Zugang ist zwar gesetzlich geregelt, wird in der Praxis aber häufig nicht ausreichend mitgedacht. Architektur kann auch hier helfen, Akzeptanz und Selbstverständlichkeit zu fördern.

Förderung schafft Umsetzungsspielräume

Verschiedene Städte und Kommunen fördern aktuell die barrierefreie Gestaltung von Arztpraxen. Ein Beispiel ist das Förderprogramm „Barrierefreie Praxen“ der Landeshauptstadt München. Es unterstützt niedergelassene Ärzte und Ärztinnen sowie Psychotherapeuten und Therapeutinnen bei der Umsetzung baulicher und technischer Maßnahmen der Barrierefreiheit. Gefördert werden unter anderem Rampen, Plattformlifte, automatische Türöffner, barrierefreie Sanitäranlagen oder höhenverstellbare Untersuchungsliegen. Auch kommunikative Hilfsmittel beispielsweise induktive Höranlagen oder visuelle Orientierungssysteme können bezuschusst werden. Antragsberechtigt sind niedergelassene Ärztinnen und Ärzte, Zahnärztinnen und Zahnärzte, Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten sowie Medizinische Versorgungszentren. Der Zuschuss beträgt bis zu 20.000 Euro pro Praxis, und die Antragsphase läuft von September 2025 bis Ende 2027.

Damit geförderte Maßnahmen langfristig wirken, braucht es aus Sicht von Birgit Dietz schlüssige Gesamtkonzepte:

„Barrierefreiheit ist kein Zustand, sondern ein Prozess. Wichtig ist, dass Planungen Zielperspektiven enthalten und regelmäßig überprüft werden.“

So könne man schrittweise Verbesserungen erzielen, statt einmalig bauliche Standards abzuarbeiten. Auch die Kombination von Förderung und Wissenstransfer sieht sie als zentralen Aspekt: „Das eine braucht das andere“, betont Dietz. „Fördermittel schaffen die Möglichkeit zur Umsetzung, aber erst fachliche Begleitung und Sensibilisierung stellen sicher, dass die Mittel richtig eingesetzt werden.“

Ganzheitlich denken – von der Architektur bis zur Kommunikation

Barrierefreiheit ist kein baulicher Einzeleingriff. Sie ist Teil eines ganzheitlichen Entwurfsprozesses, der den Menschen in den Mittelpunkt stellt. Programme wie das Münchner Förderprogramm sind ein Signal dafür, dass Barrierefreiheit als Qualitätsstandard anerkannt wird. Die Expertin wünscht sich, dass Gesundheitsbauten künftig stärker auf umfassende Teilhabe ausgerichtet sind: „Die geltenden Normen – etwa die DIN 18040 – berücksichtigen noch nicht alle Nutzergruppen, zum Beispiel Rollatornutzende, Menschen mit Demenz oder kognitiven Einschränkungen.“ Auch sozio-kulturelle Faktoren blieben bislang zu wenig beachtet. Sie verweist auf den neuen Leitfaden der Bayerischen Architektenkammer zur Planung pflegerischer Versorgungsformen, der hierzu wertvolle Grundlagen bietet. Insgesamt, so Dietz, müsse Barrierefreiheit als „Basso continuo“ – also als durchgängiges Grundthema – in die Planungs- und Baukultur integriert werden. Neben Klimaschutz, Digitalisierung oder Flexibilität müsse sie selbstverständlich mitgedacht werden. Dazu brauche es vor allem Aus- und Weiterbildung: „In der universitären Lehre spielt Barrierefreiheit bislang kaum eine Rolle. Das muss sich ändern, wenn wir nachhaltige Veränderungen wollen.“

Warum Förderprogramme jetzt entscheidend sind

Barrierefreie Arztpraxen sind ein Schlüssel zu mehr Inklusion im Gesundheitswesen – und Architekturschaffende spielen dabei als Berater der Bauherrenschaft eine zentrale Rolle. Sie gestalten Räume, die Zugang ermöglichen, Orientierung schaffen und Selbstbestimmung fördern. Birgit Dietz fasst es so zusammen:

„Barrierefreiheit ist keine Spezialdisziplin, sondern Teil einer guten, menschlichen Architektur. Wenn wir für alle planen, profitieren letztlich alle – Patientinnen und Patienten, Personal und Gesellschaft.“

Damit dieser Anspruch nicht an begrenzten Budgets scheitert, sind Förderprogramme ein wichtiger Hebel. Sie setzen Impulse, schaffen konkrete Anreize und helfen dabei, längst notwendige Maßnahmen endlich umzusetzen. Die Kombination aus fachlicher Expertise, Sensibilisierung und finanzieller Unterstützung eröffnet Planungsteams und Praxisinhaberinnen und Inhabern die Chance, Barrierefreiheit systematisch und qualitätsvoll umzusetzen.

Autorin: Bettina Sigmund

Die Beraterinnen und Berater der Beratungsstelle Barrierefreiheit unterstützen gerne bei sämtlichen Belangen der Umsetzung von Barrierefreiheit, egal in welchem Format. Nehmen Sie gerne Kontakt auf unter: https://www.beratungsstelle-barrierefreiheit.de/ueber-uns/unser-beraterteam.html

Weitere Informationen zum Förderprogramm „Barrierefreiheit ärztlicher Praxen in München“ und Antrag finden Sie unter: https://stadt.muenchen.de/infos/barrierefreie_praxen.html