22.09.2025

„Entschuldigen Sie bitte, wo ist denn hier die Toilette?“

Planen und Bauen

Die Studierendenausstellung „Wayfinding – Blickwechsel üben“ im Pavillon 333 in München öffnete die Augen für alltägliche Barrieren. Ein Plädoyer dafür, Orientierung und Teilhabe in der Architektur neu zu denken.

Spielerisch ins Gespräch kommen: Das „WC-Memory“ zeigte, wie unterschiedlich Piktogramme gedeutet werden. Mit Handschuhen und Schrauben konnten Besuchende zudem erleben, wie feinmotorische Einschränkungen den Alltag verändern
Menschen spielen ein Memory mit WC-Symbolen auf einem Tisch; daneben probiert eine Person mit Handschuhen eine Schraube in eine Platte einzudrehen.

Spielerisch ins Gespräch kommen: Das „WC-Memory“ zeigte, wie unterschiedlich Piktogramme gedeutet werden. Mit Handschuhen und Schrauben konnten Besuchende zudem erleben, wie feinmotorische Einschränkungen den Alltag verändern

Foto: Professorship of Architecture and Design, TUM

Barrierefreiheit beginnt oft mit kleinen Dingen – wie der Suche nach einer Toilette. Was für die meisten eine Nebensache ist, kann für Menschen mit kognitiven oder körperlichen Einschränkungen zum Hindernislauf werden. Genau das machten Architekturstudierende der TUM im Pavillon 333 der Pinakothek der Moderne sichtbar. Unter Leitung von Dr.-Ing. Birgit Dietz, Lehrbeauftragte für demenzsensible Architektur, entstand das Projekt „Wayfinding – Blickwechsel üben“.

Architektur erleben, Hürden spüren

Der Pavillon 333 ist ein temporärer Holzbau direkt an der Pinakothek der Moderne in München. Er versteht sich als offener Raum für junge Gestalterinnen und Gestalter, die hier Projekte und Experimente präsentieren können. Damit war er ein idealer Rahmen für das Thema Wayfinding – nah an der Öffentlichkeit und mitten im Dialog von Kunst, Architektur und Gesellschaft. Die Studierenden dokumentierten ihre Wege durch Museen, Bahnhöfe, Kaufhäuser oder Universitätsgebäude: Immer auf der Suche nach einem WC – und immer wieder mit Umwegen, Sackgassen und Frustration konfrontiert. Ihre Eindrücke hielten sie in Plakaten fest, etwa aus dem verwinkelten Neuen Rathaus München, der lauten Mensa der TUM oder den reizüberfluteten Stachus-Passagen. Es wurde schnell deutlich, selbst wenn barrierefreie Anlagen vorhanden sind, verhindern unklare Beschilderung, schlechte Kontraste oder hohe Reizdichte häufig die selbstständige Nutzung.

Wie finden wir uns zurecht? Besucherinnen und Besucher konnten eigene Erfahrungen an einer Mitmach-Wand notieren. Viele berichteten von alltäglichen Schwierigkeiten mit Beschilderung und Orientierung
Links ein Ausstellungsraum mit Postern und Tischen, rechts eine Wand mit Post-its, auf denen Gäste ihre Erfahrungen zur Orientierung in Gebäuden festgehalten haben.

Wie finden wir uns zurecht? Besucherinnen und Besucher konnten eigene Erfahrungen an einer Mitmach-Wand notieren. Viele berichteten von alltäglichen Schwierigkeiten mit Beschilderung und Orientierung

Foto: Professorship of Architecture and Design, TUM

Spielerisch den Perspektivwechsel üben

Neben den Plakaten bot die Ausstellung interaktive Elemente.  Ein „WC-Memory“ führte humorvoll vor Augen, wie schwer Piktogramme manchmal zu deuten sind. Mit dem „Labyrinth – Alter und Demenz“ konnten Besucher/innen am eigenen Körper mit allen Sinnen erfahren, wie sich Überforderung und Orientierungslosigkeit anfühlen können. Beide Angebote schufen auf spielerische Weise Verständnis für die Herausforderungen, mit denen Menschen im Alltag konfrontiert sind.

Zusammenarbeit über Fachgrenzen hinweg

Die Ausstellung war Teil des Moduls „Alters- und demenzsensible Architektur“ an der TUM, konzipiert und betreut von Dr.-Ing. Birgit Dietz vom Bayerisches Institut für alters- und demenzsensible Architektur, BIfadA. Neben den Studierenden waren auch Lehrende sowie Expertinnen und Experten aus unterschiedlichen Disziplinen beteiligt, die ihre Perspektiven in die Lehre einbrachten. Die Ausstellung war zugleich Teil der interdisziplinären Projektwoche „Architektur und Medizin im Dialog“. Hier arbeiteten Studierende beider Fachrichtungen gemeinsam an Themen wie Krankenhausbau, unterstützende Architektur oder Patientenzimmer der Zukunft. Der Aspekt „Wayfinding“ bildete einen praktischen Schwerpunkt: In Übungen und Exkursionen untersuchten die Teilnehmenden, wie Menschen mit Demenz oder anderen Einschränkungen ihren Weg durch komplexe Gebäude finden – oder auch nicht.

Ausstellung „Wayfinding – Blickwechsel üben“ im Pavillon 333 an der Pinakothek der Moderne. Studierende der TUM machten sichtbar, wie leicht Orientierung scheitern kann
Links das blaue Plakat der Ausstellung „Wayfinding“, rechts Blick in den Pavillon 333 mit Postern und einem zentralen Ausstellungselement.

Ausstellung „Wayfinding – Blickwechsel üben“ im Pavillon 333 an der Pinakothek der Moderne. Studierende der TUM machten sichtbar, wie leicht Orientierung scheitern kann

Foto: Professorship of Architecture and Design, TUM

Relevanz für Planung und Praxis

Die Ausstellung zeigte eindrücklich, dass Barrierefreiheit mehr ist als Rampen und Normmaße. Eine durchdachte Wegeführung, gute Blickkontakte, verständliche Beschilderung, klare Kontraste,  akustische wie visuelle Orientierungshilfen und nicht zuletzt ausreichende Flächen sind entscheidend, damit Räume für alle nutzbar bleiben – auch für Menschen mit Geh- und Seheinschränkungen oder auch Demenz. Andernfalls droht der Rückzug aus dem öffentlichen Leben, mit allen negativen Folgen wie Vereinsamung. Die Ausstellung im Pavillon 333 hat Besucherinnen und Besucher nicht nur sensibilisiert, sondern auch in intensiven Gesprächen zum Blickwechsel angeregt. Viele stellten fest, dass ihnen diese alltäglichen Barrieren kaum bewusst waren. Für die Planungspraxis gilt daher umso mehr: Wayfinding und demenzsensible Architektur gehören ins Zentrum barrierefreier Gestaltung.

Autorin: Bettina Sigmund

Weitere Informationen zum Bayerisches Institut für alters - und demenzsensible Architektur unter:

https://www.bifada.de