Ein starkes Duo: Digitalisierung und Kreislaufgerechtigkeit
Planen und Bauen
"BIM und Digitalisierung" sowie "kreislaufgerechtes Planen und Bauen" gelten als zentrale Zukunftsthemen der Bau- und Immobilienbranche. Und das aus gutem Grund: Ohne digitale Werkzeuge lässt sich eine funktionierende Kreislaufwirtschaft kaum realisieren – und ohne Kreislaufwirtschaft sind Ressourcen- und Klimaschutz im Bauwesen nicht denkbar.
Beide Ansätze stehen für eine notwendige Bauwende. Sie verlangen neue Planungsparadigmen, veränderte Prozesse und angepasste Strukturen – deutlich über das konventionelle Planen und Bauen hinaus.
Neue Paradigmen für Planung, Markt und Baukultur
Sowohl die Digitalisierung als auch das kreislaufgerechte Bauen bringen tiefgreifende Veränderungen mit sich:
- veränderte Planungs- und Abstimmungsprozesse
- innovative Instrumente und Strategien
- neue bzw. neu entstehende Märkte
Dazu zählen unter anderem computergestützte Planungs-, Mess- und Fertigungstechniken, aber auch Organisations- und Logistikstrukturen rund um die Bereitstellung, Lagerung und Nutzung kreislaufgerechter Bauteile und Materialien.
Während digitale Entwurfs- und Bauprozesse vor allem Effizienz, Wirtschaftlichkeit und Präzision fördern, verbindet das kreislaufgerechte Planen Nachhaltigkeit und Klimaschutz mit Tradition, Identität und Baukultur. In der Kombination beider Ansätze entstehen erhebliche Synergien – und genau hier nehmen Architektinnen und Architekten aller Fachrichtungen eine zentrale Schnittstellenrolle ein.
Kreislaufgerecht entwerfen heißt: anders denken
Wer kreislaufgerecht plant und baut, muss mehr leisten als technische Lösungen anzuwenden. Es geht auch um Haltung, Überzeugungsarbeit und ein Umdenken in frühen Planungs- bzw. Leistungsphasen. Relevante Akteure in diesem System sind Architektinnen und Architekten, die durch ihre Arbeit die Kreislaufwirtschaft im Zusammenspeil mit Digitalisierung aber auch mit "Angebot und Nachfrage" in Bewegung bringen. Entscheidende Aspekte dabei sind vor allem:
- Bewusstseinsbildung und Beratung aller am Projekt Beteiligten (u.a. Initiatoren, Behörden, Handwerker etc.)
- Engagement, Motivation und "langer Atem"
- Anpassung klassischer Entwurfs- und Entscheidungslogiken
- Integration vorhandener, recyclefähiger statt frei bestellbarer Materialien
- Know-how und der sichere Umgang mit den digitalen Werkzeugen und kreislaufgerechten Baustoffen und -teilen
Rezyklierte Bauteile bringen spezifische Eigenschaften mit, etwa in Bezug auf:
- (vorhandene) Ausmaße und Geometrien
- Materialqualitäten und Gebrauchsspuren
- statische, bauphysikalische oder schadstoffbezogene Eigenschaften
Der Entwurf orientiert sich dabei nicht mehr ausschließlich an idealtypischen Neuprodukten, sondern an den real verfügbaren Bauteilen. Idealerweise sind die wesentlichen konstruktiven und gebäudeprägenden Elemente bereits vor oder parallel zum Entwurf bekannt.
Aber auch kreislauffähig mit neuen Materialien und Bauteilen zu bauen, stellt eine Herausforderung dar, denn:
- Zirkularität muss bewusst und so früh wie möglich geplant, kalkuliert und erfasst werden (z.B. Gebäude-Materialpass)
- Materialwahl, Konstruktion und Fügetechniken müssen auf Trennbarkeit (Sortenreinheit), Rückbaubarkeit und Wiederverwendung ausgelegt sein
- Kosten und Verfügbarkeit sind meist nicht gängig
- fehlende Erfahrungswerte, Normen und etablierte Prozesse erschweren Entscheidungen in frühen Planungsphasen
- Herstellerangaben, Datenverfügbarkeit und Transparenz über Inhaltsstoffe, Lebensdauer und Rückbaupotenziale müssen abgefragt und dokumentiert werden
- gute Praxisbeispiele fehlen aktuell noch
Der Gewinn: nachhaltige, identitätsstiftende Gebäude, die Vergangenes und Neues miteinander verbinden – und deren Bauteile nach Rückbau oder Umbau erneut nutzbar sind.
Offene Fragen und reale Herausforderungen
Im Zusammenhang mit dem kreislaufgerechten und digitalen Planen und Bauen sind aber auch noch viele Unsicherheiten zu klären, unter anderem:
- Umgang mit den (vorhandenen) Material-Eigenschaften (z.B. Optik, Materialqualität, Schadstoffe, Statik, Bauphysik)
- Fragen der Gewährleistung und Haftung bei Wiederverwendung
- Honorierung des Mehraufwands bei Planung und Umsetzung
- Schaffung von Akzeptanz in der Gesellschaft
Diese Punkte müssen derzeit meist individuell mit Projektpartnern (u.a. Auftraggebenden, Investoren, Nutzern) verhandelt werden.
Digitalisierung als Schlüssel zur Umsetzbarkeit beim Planen und Bauen
Diese komplexen Prozesse sind gut handhabbar, wenn sie digital organisiert werden. Denn Kreislauffähiges Planen und Bauen ist stark wissens-, daten- und prozessgetrieben. Die relevanten Informationen zu Materialien, Bauteilen und Konstruktionen müssen frühzeitig verfügbar, verlässlich strukturiert und über den gesamten Lebenszyklus hinweg nutzbar sein. Genau hier kommt digitale Expertise ins Spiel. Das betrifft:
- Iterative, adaptive Prozesse aufzusetzen – etwa, wenn Materialverfügbarkeiten den Entwurf beeinflussen oder sich Planungsgrundlagen laufend ändern
- Erfassung und Auffindbarkeit vorhandener Bauteile (u.a. Qualität, Maße, Zustand) sowie Datenspeicherung/Lagerung, Verfügbarkeit und Bereitstellung in lokalen Kreislaufhöfen
- Digitale Modelle ermöglichen Lebenszyklusorientierung (z.B. mit BIM, Materialpässen, Gebäuderessourcenkatastern). So können Entscheidungen über Nutzung, Umnutzung, Rückbau und Wiederverwendung schon heute vorbereitet und langfristig genutzt, bzw. nachvollzogen werden.
- Zielorientierte Vernetzung von Informationen und Prozessschritten im Bereich des kreislauffähigen Bauens, aber auch von allen Projektbeteiligten und Nutzenden
- Transparenz über die Informationen für alle Planungs- und Baubeteiligten (nachvollziehbare Dokumentation, Versionierung und Aktualisierung über lange Zeiträume)
Durch gezielte Digitalisierung lassen sich die notwendigen Informationen verfügbar, vernetzbar und für eine langfristige Nutzung aufbereiten und zusammenstellen. Sie machen den Planungs- und Baualltag des zirkulären Bauens handlungsfähig.
Lokale Kreislaufwirtschaft mit digitalen Systemen
Ziel des zukunftsfähigen zirkulären Planen und Bauen ist es, Rohstoffe effizient zu nutzen, Abfälle zu vermeiden, lokale Wertschöpfung zu stärken und das Wohlergehen aller langfristig zu sichern. Hierfür bedarf es einer funktionierenden, idealerweise lokalen Kreislaufwirtschaft, die mithilfe digitaler Plattformen, Instrumente und Systeme funktionieren kann. Diese müssen flankiert werden, u.a. von Anreizen und klugen Finanzierungsmodellen, passenden Rahmenbedingungen und Vergabesystemen. Relevante Akteure vor Ort (z.B. Städte und Kommunen, Bauunternehmen, weitere Unternehmen/KMU, Versicherungen, Akteure aus der lokalen Kreislaufwirtschaft) können im Verbund den Aufbau einer lokalen Kreislaufwirtschaft stärken und je nach, z.B. lokalen Bedürfnissen, ausrichten und stärken.
Zwischen Innovation und Tradition – ein vertrautes Spannungsfeld
Im Spannungsfeld zwischen Innovation und Tradition waren Architektinnen und Architekten schon immer zuhause. Genau darauf ist ihre Ausbildung ausgerichtet: aktuelle Instrumente und Technologien zu nutzen, um Vorhandenes weiterzudenken und zukunftsfähig zu machen. Die Abstimmung von Digitalisierung und Kreislaufgerechtigkeit im Planungsprozess ist daher eine echte Win-win-Situation für alle Beteiligte.
Praxisbeispiele: Wirtschaftlichkeit als Treiber
Bibliothek Augsburg
2022 stand die Stadtbücherei Augsburg vor ihrem Abbruch zum Verkauf (siehe Blog-Beitrag 04/2022). Hier spielte am Ende die Wirtschaftlichkeit eine entscheidende Rolle: Statt Inventar kostenintensiv auszubauen und zu entsorgen, übernahmen zahlreiche Käuferinnen und Käufer die Bauteile und integrierten sie wertschätzend an anderer Stelle wieder. Für die Stadt Augsburg bedeutete das eine Einsparung von rund 600.000 Euro.
CirConFin
Das Projekt zeigt die wirtschaftlichen Herausforderungen einer Kreislaufwirtschaft: Lagerflächen, Informationsbereitstellung, Kapazitätsmanagement – aber auch das große Potenzial bei konsequenter Umsetzung.
Fazit: Vielversprechende Perspektiven
Die Themen Digitalisierung und Kreislaufgerechtigkeit eröffnen enorme Potenziale. Unterschiedliche Akteurinnen und Akteure sind gleichermaßen gefordert, sich neu aufzustellen, Synergien zu nutzen und bestehende Strukturen weiterzuentwickeln. Die Richtung ist klar – und sie ist vielversprechend.
Haben Sie Beispiele und Tipps, die anderen weiterhelfen können? Oder stehen Sie vor schwierigen Fragen und Herausforderungen fürs kreislaufgerechte Planen und Bauen? Dann kommen Sie gerne auf die BEN und unsere beratenden Experten zu. Unser Angebot ist vielfältig und kostenfrei.
Weiterführende Links
Circofin EU-Projekt: - circofin (Modellkommune, u.a. LHM)
Praxisbeispiel Stadtbücherei Augsburg:
Kurzfilm vor Abbruch: Recyclingprojekt: Alte Stadtbücherei in Augsburg – Bayern
Kurzfilm nach Abbruch: Bayerischer Klimaschutzpreis 2023: Architektur. Im Kreis. LENK Bayern
