09.02.2026

Barrierefreie Bahnhöfe sind Standortpolitik – Bayerns Bilanz 2025

Planen und Bauen

Der kürzlich eröffnete barrierefrei ausgestattete Bahnhof in Dillingen
Das rote Bahnhofsgebäude mit Gleisen und Haltestellen für Züge und Busse aus der Vogelperspektive.

Der kürzlich eröffnete barrierefrei ausgestattete Bahnhof in Dillingen

Foto: Stadt Dillingen / Jan Koenen

Barrierefreiheit im öffentlichen Verkehr wird oft als „Baufrage“ behandelt: Aufzug ja/nein, Bahnsteighöhe, Leitsysteme. Für Kommunen ist sie aber vor allem eines: Standort- und Daseinsvorsorgepolitik.

Ob Menschen die ÖPNV- und SPNV(Schienenpersonennahverkehr)-Angebote tatsächlich nutzen können, entscheidet sich oft am Bahnhof. Dort beginnt oder scheitert Mobilität. Zum Jahreswechsel 2025/2026 hat das Bayerische Staatsministerium für Wohnen, Bau und Verkehr eine positive Bilanz gezogen: In Bayern gibt es inzwischen 1.079 Bahnstationen, davon sind 561 vollständig barrierefrei. Der Freistaat hat 2025 zusätzlich rund 17 Millionen Euro bereitgestellt, um den Ausbau von Stationen und kleinen Haltestellen voranzubringen – obwohl die Zuständigkeit für die Bahnhöfe der Deutschen Bahn grundsätzlich beim Bund liegt. Für 2026 ist angekündigt, den barrierefreien Ausbau weiter als Schwerpunkt zu verfolgen. Zu den 2025 neu barrierefrei gestalteten Stationen zählen Dillingen (Donau), Freihalden, Freilassing, Haidenaab-Göppmannsbühl, Hösbach, Iphofen, Marktoberdorf, Pfronten-Steinach, Ramerberg, Raubling, Schalchen, Stein (Traun) und Strullendorf. Dazu kommen der neu geschaffene barrierefreie Haltepunkt in Marktoberdorf Nord sowie die barrierefreie Station Teisnach Rohde&Schwarz, die in den Regelbetrieb übergegangen ist.

Barrierefreier ÖPNV/SPNV für Stadt- und Landentwicklung

Aus Sicht von Kommunen und Regionen ist ein barrierefreier Nahverkehr ein zentraler Hebel für eine zukunftsfähige Stadt- und Landentwicklung. Seine Bedeutung reicht weit über die Gruppe der Menschen mit Behinderungen hinaus und betrifft unmittelbar die Demografiefestigkeit von Städten und Gemeinden. In alternden Regionen wird barrierefreie Mobilität zur Voraussetzung, um Einkäufe zu erledigen, medizinische Versorgung zu erreichen oder soziale Kontakte zu pflegen. Zugleich ist Barrierefreiheit im öffentlichen Verkehr ein entscheidender Faktor für Arbeitsmarkt und Fachkräftesicherung. Ein gut ausgebauter, barrierefreier Nahverkehr vergrößert den Einzugsbereich von Unternehmen und erleichtert es Menschen, Ausbildungs-, Arbeits- oder Weiterbildungsangebote auch ohne eigenes Auto verlässlich zu erreichen. Diese bessere Erreichbarkeit wirkt sich auch auf die räumliche Entwicklung von Städten und Gemeinden aus. Lebendige Ortskerne statt Zersiedelung lassen sich nur sichern, wenn Bahnhöfe als verlässliche, gut zugängliche Mobilitätsknoten funktionieren. Sie verbessern die Erreichbarkeit von Nahversorgung und Dienstleistungen, stärken zentrale Lagen und wirken autoabhängiger Siedlungsentwicklung entgegen. Nicht zuletzt gilt: Mobilitätswende braucht Nutzbarkeit. Menschen steigen nur dann dauerhaft auf Bus und Bahn um, wenn der Zugang einfach, zuverlässig und alltagstauglich ist – auch mit Kinderwagen, Gepäck, Fahrrad oder eben Rollstuhl. Barrierefreiheit wird damit Bestandteil der Akzeptanzpolitik und ein zentrales Qualitätsmerkmal moderner Infrastruktur.

Der barrierefreien Bahnhof Dillingen (Donau)wurde Mitte Januar 2026 feierlich von (v.l.n.r.) Frank Kunz (Oberbürgermeister der Stadt Dillingen), Ulrich Lange (Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesminister für Verkehr), Alexander Bonfig (Abteilungsleiter Schienen- und Luftverkehr im Verkehrsministerium Bayern) und Heiko Büttner (DB-Konzernbevollmächtigter für den Freistaat Bayern) eröffnet
Gruppenfoto am Bahnsteig. Die vier Herren halten Reste eines zerschnittenen roten Bandes und Scheren in den Händen.

Der barrierefreien Bahnhof Dillingen (Donau)wurde Mitte Januar 2026 feierlich von (v.l.n.r.) Frank Kunz (Oberbürgermeister der Stadt Dillingen), Ulrich Lange (Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesminister für Verkehr), Alexander Bonfig (Abteilungsleiter Schienen- und Luftverkehr im Verkehrsministerium Bayern) und Heiko Büttner (DB-Konzernbevollmächtigter für den Freistaat Bayern) eröffnet

Foto: Deutsche Bahn / Kathrin Kratzer

Wenn Barrierefreiheit im Alltag ankommt: Praxisbeispiel Dillingen

Am Bahnhof Dillingen (Donau) wurde der barrierefreie Ausbau im Jahr 2025 abgeschlossen, der umgebaute Bahnhof wurde vor wenigen Wochen offiziell eingeweiht. Im Zuge der Maßnahme wurden die Bahnsteige neu gebaut und auf eine einheitliche Höhe gebracht, eine Personenunterführung mit Aufzügen errichtet sowie taktile Leitelemente und angepasste Informationsangebote umgesetzt. Der barrierefreie Umbau wurde gemeinsam vom Bund, dem Freistaat Bayern, der Stadt Dillingen und der Deutsche Bahn finanziert. Die Maßnahmen folgen dem im öffentlichen Verkehr etablierten Ziel einer durchgängigen Wegekette. Zugänge, Bahnsteige und Einstiegssituationen sind so gestaltet, dass sie ohne zusätzliche Hilfe nutzbar sind. Damit wird der Bahnhof für unterschiedliche Nutzergruppen – darunter Menschen mit Mobilitätseinschränkungen, ältere Fahrgäste oder Reisende mit Kinderwagen – im Alltag verlässlich erreichbar. Der Umbau wirkt sich nicht nur auf einzelne Fahrgäste aus, sondern auf den Regelbetrieb insgesamt. Rund 1.800 Pendlerinnen und Pendler nutzen den Bahnhof täglich. Barrierefreie Zugänge, klare Wegeführung und verständliche Informationen erleichtern Umstiege und erhöhen die Nutzbarkeit der Station, auch bei hohem Verkehrsaufkommen oder betrieblichen Einschränkungen. Aus planerischer Sicht zeigt das Beispiel Dillingen, wie Barrierefreiheit als Bestandteil regulärer Infrastrukturentwicklung umgesetzt werden kann. Die Maßnahmen sind in die bestehende Verkehrsstruktur eingebunden und unterstützen eine langfristig nutzbare, funktionale Gestaltung des Bahnhofs und seines Umfelds.

In den ICE L steigen Reisende stufenfrei ein und aus
Eine Frau zieht ihren Rollkoffer durch die schwellenlose, geöffnete ICE Tür.

In den ICE L steigen Reisende stufenfrei ein und aus

Foto: DB AG / Oliver Lang

Selbstständiger reisen: Fortschritte auch im Fernverkehr

Barrierefreiheit im Bahnverkehr hängt nicht nur von den Bahnhöfen ab, sondern ebenso von den Fahrzeugen. Auch das Ziel der Deutschen Bahn ist es, den Ein- und Ausstieg zunehmend unabhängig vom Servicepersonal zu ermöglichen und damit selbstständiges Reisen zu erleichtern. 2025 verfügten rund 50 Prozent der Fernverkehrsfahrzeuge (ICE und Intercity) über fahrzeuggebundene Einstiegshilfen oder einen niveaugleichen Einstieg; bis 2030 soll dieser Anteil auf mindestens zwei Drittel steigen. Einen wichtigen Schritt stellt die Einführung des ICE L dar. Als Niederflurzug (das „L“ steht für „low floor“) ermöglicht er an Bahnsteigen mit 76 Zentimetern Höhe einen stufenlosen Einstieg an allen Türen. Reisende im Rollstuhl können damit erstmals ohne fremde Hilfe in einen ICE ein- und aussteigen. Davon profitieren auch Fahrgäste mit Kinderwagen, Fahrrädern oder Gepäck. Auch bei bestehenden Fahrzeugen wurden Verbesserungen umgesetzt. Der ICE 3neo verfügt über einen neu entwickelten, robusteren Hublift, der die Zuverlässigkeit sowie die Ein- und Ausstiegszeiten für Rollstuhlfahrende verbessert. Ergänzend werden barrierefreie Ausstattungsmerkmale wie taktile Wegeleitungen, höhenverstellbare Tische im Rollstuhlbereich und gut erreichbare Gepäckregale schrittweise ausgebaut.

Der Hublift des ICE 3neo erleichtert Personen im Rollstuhl den Ein- und Ausstieg
Ein Mann nutzt mit seinem Rollstuhl den Hublift als Einstiegshilfe in einen ICE. Eine Bahnmitarbeiterin hilft ihm.

Der Hublift des ICE 3neo erleichtert Personen im Rollstuhl den Ein- und Ausstieg

Foto: DB AG / Patrick Kuschfeld

Zwischenbilanz: Barrierefreiheit braucht Kontinuität und Koordination

Zurück nach Bayern: Die bayerische Bilanz 2025 zeigt Fortschritt und sie zeigt auch den Kern der Herausforderung. Barrierefreiheit ist ein dauerhafter Infrastrukturprozess, der Koordination und Finanzierung über Ebenen hinweg braucht. Dass Bayern hierfür zusätzlich Landesmittel einsetzt, ist politisch relevant – und für Kommunen essenziell, damit die Umsetzung beschleunigt werden kann. Barrierefreie Mobilitätsknoten sind soziale Infrastruktur. Wer hier investiert, investiert in Teilhabe, Standortqualität und resiliente Regionen.

Text: Bettina Sigmund

Mehr über das Bayerische Aktionsprogramm für barrierefreie Schienen

https://www.stmb.bayern.de/vum/schiene/bahnhoefe/index.php