09.03.2023

Barrierefreiheit mit einem Klick?

Digitale Barrierefreiheit

Tastatur mit drei verschiedenen Icons: Rollstuhlfahrer, Ohr, und eine Person mit einem Blindenstock

Foto: Stiftung Pfennigparade

Eine einfache Installation eines Tools und schon ist ihre Webseite barrierefrei, auch nachträglich. Mit diesem Versprechen versuchen manche Overlay-Anbieter ihre Produkte in den Markt zu bringen. Was gut klingt, verschlechtert jedoch oft die Barrierefreiheit von Webseiten.

Was ist ein Overlay?

Ein Overlay ist eine zumeist auf Javascript basierende Anwendung, die in eine Webseite eingebunden wird. Im Anschluss kann sie von jedem Besucher ein Bedienelement aktiviert werden kann. Auf der Webseite öffnen sich verschiedene Funktionalitäten, die Barrierefreiheit erleichtern sollen. Dazu zählen unter anderem Vergrößerungen, Änderungen des Farbschemas, Fokus-Hervorhebungen oder das Vorlesen von Inhalten. Außerdem versuchen manche Overlays mangelnde Barrierefreiheit selbstständig zu reparieren. Dazu zählt das automatische Integrieren von Tastaturbedienbarkeit, selbstständiges Schreiben von Alternativtexten mittels Künstlicher Intelligenz (KI) oder selbständige Fehlerbehebung bei Formularen.
Um diese Änderungen zu erzielen, verändert ein Overlay die Darstellungsweise und Funktionalität der Webseite. Dabei greifen die Anwendungen auch technisch in die Webseite ein.

Overlays verschlechtern häufig die Barrierefreiheit von Webseiten

Die technischen Eingriffe eines Overlays bringen gerade für die Zielgruppe etliche Probleme mit sich. Menschen mit Einschränkungen nutzen in der Regel spezielle Hilfsmittel wie Sprachsteuerungen, Screenreader oder sie verwenden Bedienhilfen des Betriebssystems, um den Computer oder Smartphones an die eigenen Bedürfnisse anzupassen. Der Einsatz dieser Hilfsmittel oder Einstellungen ist also nicht nur auf eine bestimmte Anwendung oder eine Webseite beschränkt, sondern wird durchgehend an einem Endgerät verwendet. Zusätzliche Barrierefreiheitsfunktionen auf einer Webseite sind also nicht nötig. Sie verkomplizieren in diesem Fall sogar die Nutzbarkeit.

Im schlimmsten Falle verhindern Overlays aber sogar den Zugriff von Hilfsmitteln oder Bedienhilfen. Diese sind auf einen standardkonformen Aufbau einer Webseite angewiesen, der bestimmte Anforderungen an Code, Design und Inhalt hat. Greift nun eine Anwendung wie ein Overlay in den Code ein, verändert es die Zugänglichkeit für Hilfsmittel oder steht dieser sogar im Weg. Das kann zur Folge haben, dass Funktionalitäten, beispielsweise eines Screenreaders, nicht mehr funktionieren.

Overlays können gesetzliche Vorgaben gar nicht erfüllen

Wie eingangs erwähnt, behaupten manche Anbieter, dass durch die einfache Installation eines Overlays eine Webseite barrierefrei werden kann. Beim derzeitigen Stand der Technik ist dies jedoch ausgeschlossen. Es gibt bestimmte gesetzliche Anforderungen an Barrierefreiheit, die nur Menschen umsetzen können. Darunter fallen:

  • das Schreiben sinnvoller Alternativtexte
  • das Hinzufügen von Untertiteln
  • das Schreiben sinnvoller Linktexte
  • die sinnvolle Strukturierung von Texten inklusive Überschriften
  • die Umsetzung von Sektionen in Leichter Sprache und Gebärdensprache
  • Weitere Beispiele finden Sie auf barrierekompass.de

Schon alleine diese Mängel zeigen, dass der Einsatz eines Overlays niemals ausreichend sein kann, um Barrierefreiheit nach dem gesetzlich vorgeschriebenen BITV Standard zu erfüllen.
Neben diesen Anforderungen, die menschliche Intelligenz benötigen, gibt es aber noch zahlreiche andere Mängel, die fast alle Overlays mit sich bringen. Darunter fallen Problematiken bei der Vergrößerung, dem Tastaturfokus, der Tastaturreihenfolge und viele mehr. Eine Auflistung von Mängeln finden Sie auf der Webseite des BIK-Prüfverbundes.

Sind Overlays immer schlecht?

Für einige Personengruppen kann ein Overlay dann einen Mehrwert bringen, wenn sich diese sich noch nie mit Unterstützungstools oder Hilfsmitteln beschäftigt haben. Eine einfache Vorlesefunktion kann kognitiv eingeschränkten Menschen oder Nichtmuttersprachler*innen helfen einen Text besser zu verstehen, wenn sich diese vorher nicht mit speziellen Einstellungen oder Hilfsmitteln beschäftigt haben. Auch bei einer solchen Integration ist es allerdings entscheidend, dass das Overlay andere Hilfsmittel oder Barrierefreiheitseinstellungen nicht blockiert oder verändert. Dies ist jedoch leider zumeist der Fall. Zudem ist es eher die Ausnahme als die Regel, dass sich betroffene Personengruppen nicht mit Hilfsmitteln oder Barrierefreiheitseinstellungen auskennen.

Generell kann man sagen: ein Overlay oder eine assistive Technologie kann nur dann unterstützend helfen, wenn die Webseite ohnehin schon barrierefrei programmiert ist. Andernfalls verschlechtert sie digitale Barrierefreiheit in der Regel.

Widerstand regt sich

Um sich gegen die wachsende Zahl von Anbietern zu wehren, die einfache Lösungen wie Overlays propagieren, haben Expertinnen und Experten mit und ohne Behinderungen ein englischsprachiges Fact Sheet unterzeichnet, das die wichtigsten Kritikpunkte zusammenfasst und sich gegen den Einsatz von Overlays positioniert.

Fazit

Der Einsatz von Overlays macht eine unzugängliche Webseite nicht von selbst barrierefrei. Häufig verschlechtern sie die Barrierefreiheit sogar. Overlays kommen nur dann infrage, wenn sie andere Hilfsmittel oder Bedienungshilfen nicht blockieren. Seien Sie also vorsichtig, wenn ein Anbieter behauptet, dass ihre Webseite mit einer einfachen Installation barrierefrei wird.

Autorin: Stiftung Pfennigparade

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